Letzte Hoffnung für Ion (5): Wenn Krebs die Kindheit zerstört

von Heinz Sünder am 05. Dezember 2011 10:46

Chisinau/Moldawien. Ion steht im Hühnerhof und weint. Er weint, wie ein Fünfjähriger eben weint, wenn er die Hühner nicht mehr fangen kann. Früher konnte er das. Doch jetzt ist Ion schwerkrank, er hat einen Tumor im Kopf. Behandelt wird Ion in der Kinderkrebsklinik in der moldawischen Hauptstadt Chisinau, dem Förderprojekt unserer diesjährigen Weihnachts-Spendenaktion.

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Ion hat einen Hirntumor. Wegen seines geschwächten Immunsystems dürfte er zu Hause auf dem Hühnerhof gar nicht so ungeschützt herumtollen. Weil ihm dies ohnehin schwer fällt, weint er. Foto: Heinz Sünder

Früher ist Ion den Hühnern hinterhergerannt, bis er eines hatte und ihm die Schwanzfedern stibitzen konnte. Die hat er sich dann ins Haar gesteckt und Indianer gespielt. Das könnte er heute auch nicht mehr, denn Ion ist zu schwach, er hat auch keine Haare mehr. Ion hat einen Kopftumor, die Therapie hat ihn aufgeschwemmt und ihm die Haare geraubt. Um den Hals hängt sein Mundschutz. Den mag er nicht, der stört. Und so steht er inmitten von herumfliegenden Hühnerfedern, inmitten von Hühnerkot und Dreck, inmitten von Keimen, Parasiten und Milben. So etwas kann sein Todesurteil sein. Aber seine Mutter Swetlana (26) freut sich, dass er so lebhaft ist.
Wir sind in Peresecino, einem Dorf, etwa 60 Kilometer von Chisinau entfernt. Ion ist zu Hause. Noch, denn schon am nächsten Tag muss er wieder in die Krebsklinik nach Chisinau. Diesmal wird sein Aufenthalt mehrere Monate dauern. Deshalb darf er sich heute noch einmal austoben, obwohl das Gift für ihn ist. Man hat das der Mutter bei der letzten Behandlung in Chisinau auch erklärt. Aber was nutzt das? Die Realität von Perescino ist etwas anderes als die Theorie in Chisinau.
 
Die Eltern von Ion sind geschieden, er lebt mit seiner Mutter, deren Schwester und dem Großvater zusammen. Er hat noch einen Bruder, der zur Schule geht. Das Haus hat einen großen Hühnerhof, einen Garten, in dem Obstbäume, Kürbisse, Tomaten und Gurken wachsen. Der Vater ist weg, er hat noch fünf andere Kinder, kümmert sich nicht um Ion.
 
Vor knapp einem Jahr stürzte Ion beim Spielen, verletzte sich am Kopf und wurde im lokalen Krankenhaus behandelt. Was heißt da schon behandelt? Die Wunde wurde versorgt, der Tumor nicht entdeckt. Dem Jungen ging es immer schlechter, ein befreundeter Arzt schickte ihn schließlich in die Hauptstadt zur Krebsstation. Viel zu spät. Jetzt ist der Junge ein Risikofall, niemand weiß, ob er es schaffen wird.
 
Wie auch immer es ausgeht, ob Ion es schafft, oder ob die Mutter und der Großvater im Dorf demnächst eine Totenfeier ausrichten müssen: die Krebststation, Oberärztin Dr. Irina Plaschevici, die Ärztinnen und die Schwestern sind seine letzte Hoffnung. Und es wird ganz sicher große Probleme geben.
 
Ion bekommt Medikamente. Eines davon kostet 300 Lei (ca. 16 Euro), das zahlt der Staat. Ein anderes, das kostet 1200 Lei (rund 65 Euro), das muss in Moskau besorgt werden und das zahlt der Staat nicht. Zum Glück arbeitet Ions Onkel in Moskau, er und seine Tante unterstützen die Mutter nach Kräften. Es ist immer das gleiche traurige Lied: Nur die Familie ist für die krebskranken Kinder Moldawiens eine tatsächliche Hilfe. Der Staat, das Sozialwesen – sie versagen auf der ganzen Linie.
 
Ion würde gerne in einen Kindergarten gehen, aber dafür ist sein Immunsystem zu sehr geschädigt, es wäre zu gefährlich. Außerdem würden ihn die anderen Kinder nicht akzeptieren, so wie er aussieht: ohne Haare und aufgeschwemmt.
Jetzt, bei Erscheinen dieses Berichtes, ist Ion schon in Chisinau, in der Krebsklinik. Neun Monate soll er dort bleiben. Wir können nur hoffen, dass seine Therapie anschlägt. Dass er eines Tages wieder zurück kann in sein Dorf, zu seiner Familie und zu seinen Hühnern.

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