Erzieher-Vorurteile: „Da muss man doch nur spielen“

„Da muss man ja nur ein bisschen mit Kindern spielen.“ „Nichts weiter als Kaffee trinken.“ Das sind die Aussagen von den meisten Außenstehenden, wenn ich erzähle, dass ich eine Ausbildung zur Erzieherin mache.

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    "Da muss man doch nur vorlesen" - das müssen sich auch viele Erzieherinnen und Erzieher anhören. Das nervt und stimmt auch nicht! Foto: Arno Burgi (dpa-Zentralbild)

Oft bekomme ich von Freunden zu hören, dass das kein richtiger Beruf sei und das Einzige, was man in der Ausbildung lerne, sei, wie man spielt, klatscht und singt. Es sei überhaupt nicht anspruchsvoll und das könne ja schließlich jeder. Generell haben die meisten, die hören, dass ich Erzieherin werde, das Bild von mir als „Kindergärtnerin“, die mit Kindern zusammen am Basteltisch sitzt und etwas aus Pappe ausschneidet oder aufklebt, im Kopf. Zunächst muss man hier sagen, dass es einen Unterschied zwischen dem Begriff „Kindergärtner“ und „Erzieher“ gibt. Da Erzieher auch in anderen Einrichtungen als Kindergärten arbeiten können, wie beispielsweise in der OGS oder im Heimbereich, wird die Bezeichnung „Erzieher“ eher gewählt. Die Bezeichnung „Kindergärtner“ ist etwas veraltet. Auch ich hätte zu Beginn der Ausbildung nicht gedacht, dass dieser Beruf – und vor allem die Ausbildung – so anspruchsvoll ist.

Wenn ich gefragt werde, warum ich ausgerechnet Erzieherin werden will, obwohl Kinder doch so anstrengend und nervig sind, sage ich, dass mir die Arbeit mit Kindern Spaß macht und ich keinen langweiligen Bürojob annehmen könnte, wo ich den ganzen Tag nur sitze. Und: Wenn man mit Kindern arbeitet, erlebt man jeden Tag etwas Neues.
Die Kinder bringen mich immer zum Lachen. Sie entdecken jeden Tag etwas anderes – und das zu beobachten und mit dabei zu sein, bereitet mir viel Freude. Generell das Heranwachsen der Kinder zu beobachten, aber auch zu sehen, wie sie scheitern und etwas immer und immer wieder versuchen, bis sie ein Erfolgserlebnis haben, macht Spaß.

"Ihr lernt doch nichts in der Schule"

Es gibt auch das Vorurteil, dass wir in der Schule überhaupt nichts lernen würden… Klar arbeiten wir sehr viel praktisch, da dies nun mal auch ein praktischer Beruf ist. So haben wir zum Beispiel das „Lernfeld 4“. Das umfasst Musik, Bewegung, Spiel und Methodik und Didaktik. Das kann ja nicht ausschließlich Theorie bedeuten! Man kann schließlich später im Praktikum oder Berufsleben bei den Kindern keine Spiele anleiten, die man selbst zuvor noch nie gespielt hat. In Musik lernen wir zum Beispiel, uns selber Lieder zu erarbeiten, das bedeutet, dass wir uns die Melodie einprägen und überlegen, wie wir diese anschließend mit Kindern musikalisch begleiten könnten, beziehungsweise sie an die Kinder weitervermitteln.

Auf anderen Gebieten müssen wir viel mehr Theorien lernen. Zur Theorie gehört beispielsweise das Wissen über den Beziehungsaufbau zu den Kindern, Elternarbeit, Aktivitätenplanung und natürlich auch das Wissen über die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Kinder. Diese stehen in Bezug zu den sämtlichen Theoretikern, wie beispielsweise Piaget oder Erikson, die die meisten noch aus dem Pädagogikunterricht kennen. Somit lassen sich viele Gegenbeispiele nennen, dass in der Ausbildung zum Erzieher neben dem Spaß auch das Ernste und Anspruchsvolle nicht vergessen wird und der Job auch nicht so leicht ist, wie er immer dargestellt wird.

Ich persönlich kann jedem, der Freude an der Arbeit mit Kindern hat, raten, diesen Job zu erlernen. Allerdings sollte man sich vor der Ausbildung auch wirklich darüber klar sein, was auf einen zukommt und warum man Erzieher werden möchte. Diesen Grund sollte man auch während der Ausbildung nicht vergessen und sich ihn immer wieder vor Augen führen, denn man muss es wirklich (!) wollen.

Und zum Abschluss habe ich auch noch einen kleinen Tipp an die Männer: Auch wenn man in dem Job nicht sehr viel Geld verdient, die Arbeit mit den Kindern lohnt sich – und gerade Männer sind in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche gerne gesehen. An männlichem Personal mangelt es, also Männer, werdet Erzieher!
    Und übrigens: ich finde, dass der Job mehr Ansehen bekommen sollte und hoffe, dass mein Artikel dazu beiträgt – von wegen: „Nur mit Kindern spielen.“



AUTOR
Laura Hahnel
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    21. April 2017, 10:14 Uhr
    Aktualisiert:
    21. April 2017, 10:30 Uhr
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