Bildungs-Rockstars im Internet: Warum Video-Tutorials boomen

Schüler nutzen sie millionenfach: kurze, flotte Videos von Online-Tutoren zu Mathe, Physik und Co. Die Gratis-Nachhilfe wird locker präsentiert von meist jungen Leuten. Wir waren zu Besuch bei einem besonders gefragten Social Media Teacher.

  • Daniel Jung

    Gelernt wird nicht mehr nur in der Schule, sondern über das Internet mithilfe von Videos. Daniel Jung hilft mit seinen Mathe-Erklärstücken auf seinem Youtube-Kanal Tausenden von Schülern und Studenten, die Materie zu verstehen – und das sogar kostenlos. Foto: Oliver Berg (dpa)

Stochastik, Logarithmen, binomische Formeln. Da bricht vielen Schülern der Schweiß aus. DNA-Replikation in Bio, Interferenz in Physik? Ratlose Gesichter. Dann doch lieber zu Hause Handy raus oder Laptop anwerfen. Keine Spielchen – Nachhilfe. Via Youtube, kostenlos. Kurze Video-Tutorials, Erklärstücke, locker vermittelt. Zu den gefragtesten Anbietern gehören „TheSimpleClub“, „Wissen2Go“ oder der „Mathe Youtuber“ Daniel Jung. Ihre Lernvideos werden millionenfach geklickt. Es ist ein gewaltiger Boom. „Daniel Jung? Der hilft mir vor jeder Klausur“, sagt zum Beispiel der 17-jährige Schüler Max.

Ein Besuch also bei dem bekannten „Social Media Teacher“ Daniel in Remscheid bei Köln. Er hat gut 2 000 Mathe-Videos produziert, einige davon kommen auf 600 000 Klicks. Sein Konzept? „In fünf Minuten erkläre ich auf einem Tafelbild je einen komplexen Stoff. Zu jedem Thema habe ich viele kleine Portionen erstellt, die man kombinieren kann“, schildert der Tutor. „Du kannst also leicht einsteigen und dann immer weiter in die Tiefe gehen, nach deinem eigenen Tempo. Die Videos sind ja ständig abrufbar.“ Die Clips nimmt der 35-Jährige selbst auf, braucht nur Whiteboard und Stift. Seine Devise: „Let’s Rock Mathe“.

"Ich will nichts verkaufen, ich rufe Bildung aus"

Daniel ist Überzeugungstäter: „Ich will nichts verkaufen, ich rufe Bildung aus und will, dass wir für Bildung die sozialen Netzwerke optimal nutzen.“ Seine Tutorials sollen kostenlos bleiben. Im Gegensatz zum klassischen Nachhilfeunterricht, für die bundesweit alljährlich hohe dreistellige Millionensummen ausgegeben werden. Zusammen addiert sind die Videos des früheren Mathe- und Sportstudenten 80-Millionen-mal aufgerufen worden. Damit könnte Jung richtig Kasse machen. Macht er aber nicht. Seine Brötchen verdient er mit Vorträgen, er berät Unternehmen bei ihrer Social-Media-Strategie, engagiert sich für Digitalisierung in der Bildung.

Auch „TheSimpleClub“ greift Schülern gratis unter die Arme – mit Lernvideos zu Mathe, Physik, Chemie, Biologie. Die zwei jungen Macher Alex und Nico haben weit mehr als eine Million Follower auf ihrem Youtube-Kanal. Und bei „Wissen2Go“ mit Schwerpunkten Geschichte und Politik erklärt Mirko Drotschmann die Ära Adenauer oder wie es zu den zwei Weltkriegen kam.

Machen denn die Schulen ihre Hausaufgaben nicht? Warum ist der Bedarf so groß, bauen Schüler auf die Tutorials? „Man kann gezielt suchen und bekommt genau das, was man braucht, um seine Lücken zu stopfen“, sagt Oberstufenschüler Max. „Die Videos sind aufs Wichtigste konzentriert. Man kann zurückspulen, wiederholen. Das geht natürlich nicht im Unterricht“, erläutert sein Freund Ben. „In unserer Stufe nutzen alle solche Videos.“ Sein Bio-Lehrer setze sie auch manchmal im Grundkurs ein.

Was sagen die Pädagogen? „Je nachdem, wie die Tutorials aufbereitet sind, können sie eine sinnvolle Ergänzung sein“, meint Udo Beckmann, Vorsitzender der Lehrerorganisation VBE. Manche Lehrkräfte verwenden sie im Methoden-Mix – „und sei es nur, um in ein Thema einzusteigen.“ Beckmann: „Die Nachfrage privater Nachhilfe als solches ist für den VBE ein Alarmsignal an die Politik.“ Die schulischen Rahmenbedingungen reichten nicht aus, um dem Anspruch individueller Förderung gerecht zu werden. Zu den Videos merkt der VBE-Chef an, der Markt sei unübersichtlich. Und dass die Tutorials keiner Qualitätskontrolle unterliegen. „Ob die Inhalte für Lernende sinnvoll aufbereitet sind, ist Glückssache.“

Daniel Jung hält dagegen, dass zu den Videos viele Kommentare verfasst werden. Öffentlich. „Und die Leute schreiben mir: ,Hey, wir kommen durch die Prüfungen mit deinen Videos, du hast uns den A. gerettet.’“ Ihm geht es um eine zeitgemäße Form des Lernens. „Wir müssen die jungen Leute im Zeitalter der Robotik, der Spracherkennung und selbstfahrenden Autos auf die Jobs der Zukunft, die neuen Technologien vorbereiten.“ Mathe sei Schlüsselfach, gerade hier scheiterten aber viele Schüler und Studenten. Daniel plädiert für eine Taskforce: „Experten aus dem klassischen Bildungssystem und die neuen Bildungsrockstars von Youtube und Co. könnten mutige Projekte und neue Lernformate entwickeln.“
Die Mathe-Erklär-Videos von Daniel Jung findet Ihr auf Youtube unter:
www.youtube.com/user/beckuplearning



AUTOR
Yuriko Wahl-Immel
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    22. Juni 2017, 11:29 Uhr
    Aktualisiert:
    22. Juni 2017, 11:42 Uhr