Vor Festnahme: Panzerfaust-Bande plante bereits nächsten Überfall

DORTMUND/HAGEN Die Hagener Kriminalpolizei hat eine der spektakulärsten Raub-Serien in Nordrhein-Westfalen aufgeklärt. Fünf Tatverdächtige sitzen in Untersuchungshaft. Bei Überfällen auf Geldtransporter setzte die Bande auch Kriegswaffen ein. Der Ermittlungserfolg nahm nach einer Tat in Dortmund seinen Lauf.

« »
1 von 3
  • Zwei Kalaschnikow-Sturmgewehre zeigte die Hagener Polizei während der Pressekonferenz. Foto: Foto: Peter Bandermann

  • Einschusslöcher in einem Geldtransporter. Foto: Foto: Polizei Hagen

  • Von der Polizei sichergestellte Munition. Foto: Foto: Polizei Hagen

Die Abteilung für organisierte Kriminalität der Polizei und der Staatsanwaltschaft in Hagen konnten nach monatelangen Ermittlungen fünf aus Polen stammende Männer festnehmen. Sie sollen für mindestens fünf Raubüberfälle auf Geldtransporter in Nordrhein-Westfalen verantwortlich sein und dabei Kriegswaffen wie Kalaschnikows und Panzerfäuste verwendet haben.

Spezialeinsatzkommandos überwältigten die zwischen 30 und 52 Jahre alten Männer am 27. September in Haan, Hilden, Wuppertal und Solingen. An dem Einsatz waren über 200 Einsatzkräfte aus Hagen, dem Märkischer Kreis, Wuppertal, Dortmund, Duisburg, Düsseldorf, Essen und Münster beteiligt. Ermittler durchsuchten 17 Objekte und beschlagnahmten 1,7 Millionen Euro an Bargeld sowie Immobilien, Grundstücke, Motorräder, Luxus-Armbanduhren - und viele Waffen.

Kalaschnikows und Panzerfaust

Bei den Raubüberfällen feuerte die Bande in allen Fällen aus Maschinengewehren Schüsse auf die Geldtransporter ab und bedrohten das Personal mit täuschend echt aussehenden Panzerfaust-Attrappen. Die Polizei stellte etliche Waffen, Elektroschocker, Bolzenschussgeräte, Ortungsgeräte, Nachtsichtgeräte, Kabelbinder und Uniformen von Sicherheitsdiensten sicher. Einer der Tatverdächtigen arbeitete bei einem Sicherheitsdienst.

"Die Täter haben den Tod ihrer Opfer billigend in Kauf genommen", sagte der 1. Kriminalhauptkommissar Klaus Müller von der Hagener Polizei am Freitag. Bei den Taten verletzten die Männer mehrere Angestellte der Geldtransporter-Unternehmen und verfehlten nur knapp einen Pförtner, der die Polizei verständigen wollte. Getötet wurde niemand.

Die Übersicht:

  • 25. März 2000 in Neuss: Überfall auf einen Geldtransporter in der Lieferzone eines Verbrauchermarkts. Mit Sturmhauben maskierte Männer rammen den Geldtransporter und keilen ihn ein. Sie schießen auf die Fahrzeugfront und zwingen das Personal, den gepanzerten Wagen zu öffnen. Beute: 359.000 Euro.
  • 30. November 2001 in Werl: Mit Sturmhauben maskierte Täter überfallen auf dem Gelände eines Möbelhauses einen Geldtransporter. Sie setzen Kalaschnikow-Gewehre und eine Panzerfaust-Attrappe gegen das Personal ein und schießen auf einen Pförtner. Beute: 880.000 Euro.
  • 23. Dezember 2002 erneut in Werl: Die Täter stoppen und blockieren einen Geldtransporter, setzen erneut eine Panzerfaust-Attrappe und Sturmgewehre ein. Ein Bediensteter kann sich in Sicherheit bringen. Der Fahrer sitzt verletzt hinter dem Steuer: Ein Täter sagt zu einem Komplizen: "Erschieß ihn". Ein Sicherheitssystem blockiert den Transporter - die Bande verliert Zeit und muss ohne Beute fliehen.
  • 29. April 2004 in Wetter-Volmarstein: Wie bei den vorherigen Taten schießen die Täter auf die speziell gesicherte Windschutzscheibe eines Geldtransporters. Auch in diesem Fall scheitern die Angreifer am automatischen Sicherheitssystem des Spezialfahrzeugs und müssen ohne Beute fliehen.
  • 12. Dezember 2015 in Dortmund: Auf der Richterstraße im Stadtteil Bodelschwingh keilen die Täter erneut einen Geldtransporter ein, eröffnen das Feuer und flexen eine gepanzerte Tür am Heck auf. Sie können auf 300.000 Euro zugreifen, weitere Geldbestände sind nicht erreichbar. 

Nach dem Fall in Dortmund ermittelte zunächst die Dortmunder Polizei. Dann übernahm das Polizeipräsidium Hagen die Ermittlungen. Neue wissenschaftliche Untersuchungsmethoden beim Landeskriminalamt in Düsseldorf und dem rechtsmedizinischen Institut der Universität München schufen mit DNA-Analysen eine Grundlage, um alle Fälle zusammenführen zu können. Schließlich führte eine Blutspur auf einen der Tatverdächtigen. Schnell bekamen auch die Unbekannten im Hintergrund Namen und Gesichter.

Die nächste Tat vorbereitet

Die Männer im Alter von 30, 40, 48, 52 und 53 Jahren bereiteten die nächste Tat vor und kundschafteten dafür die Routen einer Sicherheitsfirma aus. "Den genauen Tat-Tag kennen wir nicht, gehen aber davon aus, dass der Überfall im Winter 2017 stattfinden sollte", sagte Klaus Müller.

Die von der Kriminalpolizei erkannten Pläne ließen darauf schließen, dass für die nächste Tat wie im Dezember 2015 in Dortmund gearbeitet werden sollte. "Bei den fünf Taten sind wir sicher, dass wir ihnen diese nachweisen können", erklärte der Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität.

Ermittler prüfen weitere Fälle 

Oberstaatsanwalt Dr. Gerhard Pauli von der Staatsanwaltschaft in Hagen geht fest davon aus, dass die Bande für weitere Überfälle verantwortlich ist: "Wir haben noch längst nicht alles aufgeklärt", sagte er am Freitag auf einer Pressekonferenz in Hagen. Die Taten hätten die Öffentlichkeit "in besonderem Maße beunruhigt", da die Männer die Waffen nicht nur mitgeführt, sondern auch eingesetzt hätten. Die Ermittler prüfen etliche noch nicht aufgeklärte Raubüberfälle, darunter eine Tat aus dem Jahr 1998 in Hagen-Bathey. Insgesamt stehen aktuell 16 Taten in Nordrhein-Westfalen auf der Liste der Ermittler.

Die fünf Männer - darunter zwei Brüder - sitzen in Untersuchungshaft und führten laut Dr. Gerhard Pauli und Klaus Müller ein "unauffälliges und bescheiden wirkendes Leben als Handwerker". Sie waren als Elektriker, Schlosser und LKW-Fahrer beschäftigt und seien von Nachbarn als nett beschrieben worden. Der 30-jährige mutmaßliche Komplize sollte angelernt werden. Die Wohnorte der Tatverdächtigen:

  • Haan im Rheinland: Kopf der Bande, 48 Jahre
  • Wuppertal: Bruder des Bosses, 40 Jahre
  • Haan im Rheinland: drittes Bandesmitglied, 52 Jahre
  • Hilden im Rheinland: viertes Bandesmitglied, 53 Jahre
  • Solingen: fünftes Bandenmitglied ("Auszubildender"), 30 Jahre.

Die Ermittler gehen davon aus, dass weitere Mittäter aufgespürt werden müssen, da nicht alle Tatort-Spuren den fünf Festgenommenen zugeordnet werden können.




AUTOR
Peter Bandermann
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    6. Oktober 2017, 16:19 Uhr
    Aktualisiert:
    11. Oktober 2017, 03:33 Uhr
  • Orte: