Unternehmensgeschichte: Westfalen-AG stellt ungewöhnliche Unternehmenschronik vor

MÜNSTER Die Westfalen AG hat eine Chronik über 85 Jahre Unternehmensgeschichte vorgestellt. Sie liest sich wie ein Roman.

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    Seit 1938 hat die Westfalen AG Münster ihren Hauptsitz am Industrieweg. Hier ein Blick auf das damals neue Gelände. Die Produktionsanlagen wurden inzwischen verlagert. Foto: Foto: Stadtarchiv Münster

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    Moderne Technik in der Abfüllanlage in Gremmendorf. Die Produktion der technischen Gase findet dagegen nicht mehr in Münster statt.

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Der Firmengründer Wilhelm Albert starb an Insulinentzug. Die Nationalsozialisten hatten ihn sechs Wochen in Haft genommen, wegen „Wehrkraftzersetzung“. Der Vorwurf: Albert soll aus seinen eigenen Firmentanks Benzin entnommen haben.

Das hat er. Und er bezahlte dafür mit seinem Leben im Jahr 1943.

Es war der tragische Tod eine Mannes, der in den Jahren zuvor, seit 1923, ein Unternehmen aufgebaut hat, wie es westfälischer und bodenständiger wohl nicht sein kann. Gestern nun hat die Westfalen AG, wie es viele Unternehmen in diesen Zeiten machen, eine Unternehmenschronik vorgelegt. Armin Berninghaus, ein ehemaliges Vorstandsmitglied, hat sie recherchiert, geschrieben und kommentiert.

Das Buch ist gewöhnungsbedürftig, allein der Titel „Genutzte Chancen“ klingt arg nach Werbebroschüre, fasst nach ausgiebigerem Lesen allerdings den Inhalt treffend zusammen.

Gewöhnungsbedürftig

Gewöhnungsbedürftig auch der Stil des Schreibers: Weit entfernt vom üblichen Historiker-Deutsch betreibt Berninghaus ein Spiel der Stilformen, wechselt von technisch-akribischer Sprache in den lockeren Plauderton, um dann, in eigens gekennzeichneten Absätzen mal humoristische, mal technische Einlagen einzustreuen. Das erwartet man von einer Chronik nicht, doch es macht das Lesen vergnüglich.
Eine Kostprobe?

„Die entstehende Wärme wird über einen Prozessluftkühler abgeführt. Nachdem aus der Prozessluft die Feuchtigkeit und andere Verunreinigungen in einem umschaltbaren Molsieb abgeschieden sind, erfolgt die weitere Abkühlung auf minus 173 Grad Celsius.“
Das ist so abstrakt, dass es schon wieder schön ist. Es geht übrigens darum, wie Luft in ihre Einzelteile zerlegt wird.

Nur einige Seiten später vergleicht er den Eintritt der Westfalen AG in den französischen Markt Julius Caesars, in Gallien Einfluss zu gewinnen. Berninghaus kommt zu dem Schluss, dass Franzosen fremden Einfluss nicht mögen. Die Folge: Kein einziger deutscher Mitarbeiter arbeitet für Westfalen in der grande nation. Ein Beispiel für westfälische Anpassungs- und Lernfähigkeit, das der jetzige Vorstandsvorsitzende Wolfgang Fritsch-Albert auch gestern noch einmal brachte.

17 Jahre in der Führung

Die Chronik der Westfalen AG ist geprägt von persönlichen Erlebnissen eines Mannes, der 17 Jahre in einer Führungsrolle für das Unternehmen gearbeitet hat, es bis in seine tiefsten Verzweigungen kennt, mit seinen Stärken und seinen Schwächen. Und das hebt sie ab von vielen anderen Werken, die ihre Themen nur bierernst abhandeln. Eine solche gesunde Distanz und gleichzeitige Verliebtheit bis ins letzte Detail macht das Buch sehr gut lesbar. Es liest sich fast wie ein Roman.

Unternehmen, die in ihre Vergangenheit blicken, müssen die Ernsthaftigkeit dieses Unterfangen daran messen lassen, wie sie mit der Zeit des „Dritten Reiches“ umgehen. Blenden Sie die Jahre aus, betreiben sie Schönfärberei oder ist das entsprechende Kapitel gar eine Generalentschuldigung: Wir konnten nichts dafür.

Das entsprechende Kapitel in der Westfalen-AG Chronik ist informativ, vermutlich vollständig, und erschreckend zugleich, denn es zeigt beispielhaft die Ambivalenz mancher Mittelständler im „Dritten Reich“. So sperrte sich „Westfalen“ gegen die Indoktrinierungsversuche der Nazis, wurde aber dennoch gleichgeschaltet, produzierte technische Gase für die Wehrmacht, entwickelte gar ein neues Verfahren, wie Acetylen ungefährlich in Stahlflaschen gespeichert werden konnte. Die Wehrmacht war begeistert, orderte „umfangreich“, wie Berninghaus schreibt, und verwendete das Gast zur Reparatur von Kriegsgerät.

Die Truppen brauchten Kraftstoffe, sie wurden von auch von „Westfalen“ geliefert. Es gab Zwangsarbeit, Franzosen und Russen arbeiteten auf dem Gelände. Firmenchef Wilhelm Albert ordnete an, sie besser zu ernähren, als erlaubt. Er kaufte Kartoffeln, Getreide und Gemüse auf einem Hof in Billerbeck. Er brachte sie in Luftschutzbunker, wenn ein Angriff drohte. Auch das war gegen die damaligen Regeln.

Rolle im Zweiten Weltkrieg

Fritsch-Albert: „Wir haben uns die Frage nach unserer Rolle im Zweiten Weltkrieg ehrlich gestellt, wir haben mit Zeitzeugen gesprochen. Ja, es gab Gefangene und es gab Zwangsarbeit. Ohne sie funktionierte in der Endphase des Krieges nichts. Die Arbeitskräfte haben einen schweren Dienst getan. Doch wir haben sie vernünftig behandelt, wie Menschen.“ Und Prof. Dr. Franz-Josef Jakobi, er leitete einst das Stadtarchiv, ordnet ein: „Ein Unternehmen wie die Westfalen AG hat es in diesem Falle leicht, sie ist auf die Opferseite der Nazi geraten. Die Westfalen AG hat sich nicht selbst gleichgeschaltet. Sie wurde gleichgeschaltet.“

Das entsprechende Kapitel in der Chronik ist ausführlich, es lässt kaum Fragen offen. Und wenn doch, dann vielleicht die: Hat die Westfalen AG je Zyklon B produziert? Also jenes Gas, mit dem die Nazis Millionen Menschen umbrachten?
„Nein“.

Jürgen Erwert kann die Frage leicht beantworten, und er hat auch eine Begründung. „Zyklon B“ ist Blausäure, die verdampft. Es ist kein Gas, „und die Westfalen AG hatte nie die technischen Voraussetzungen, um Zyklon B herzustellen“, sagt er.

Ob dieses Kapitel der Firmengeschichte mit einem nationalistischen „Deutschland, Deutschland, über alles“ begonnen werden muss, ist fraglich. Das nächste Kapitel beginnt mit „Deutschland, Deutschland, ohne alles“ und bespricht die Nachkriegsjahre. Bei manchen Themen verbieten sich Ironie und Flapsigkeiten, aus Respekt vor den Opfern.

Auf fast 260 Seiten beschreibt Armin Berninghaus ein Unternehmen, das jeder zu kennen meint, weil wohl jeder schon einmal an einer der Tankstellen mit dem springenden getankt hat. Das aber allzu häufig verkannt wird. Denn die Produkte, denen es einen Aufstieg zu verdanken hat, sind flüchtig: Gase. Und die benötigt Otto-Normalverbraucher äußerst selten. Die Westfalen AG agiert im Stillen und macht selten großes Aufhebens um ihre Aktivitäten.

Ein sehr westfälisches Unternehmen, eben. 

Die Westfalen AG in Zahlen

Die Westfalen AG gibt es seit 87 Jahren und hat seinen Hauptsitz am Industrieweg. Sie beschäftigt in Münster 683 Mitarbeiter, deutschlandweit arbeiten 1300 Menschen an 13 Standorten für das münstersche Unternehmen. In sechs europäischen Ländern ist sie aktiv, darunter in Frankreich, Tschechien, der Schweiz und in Polen.

Die Firma betreibt 253 eigene Tankstellen, im Bereich „Autogas“ ist „Westfalen“ nach eigenen Angaben Marktführer mit 960 Stationen deutschlandweit. Das Unternehmen stellt zahlreiche technische Gase her, die von der Industrie oder von medizinischen Einrichtungen benötigt werden. Mit Flüssiggas in handlichen Flaschen oder im großen Speicher hinter dem Haus können Endverbraucher heizen, kochen oder Grillen.