Causa Helferich

Entscheidung zu Nazi-Chats: „AfD in NRW ist in einer schweren Krise“

Der AfD-Bundesvorstand hat am Montag zu Chat-Aussagen des Dortmunder AfD-Bundestagskandidaten Matthias Helferich eine Entscheidung getroffen. Vorher hatte der sich per Video öffentlich geäußert.
Äußert sich per Video zu angeblichen Nazi-Chats: Der Dortmunder AfD-Bundestagskandidat Matthias Helferich (Archivbild). © Stephan Schuetze

Das Statement des Dortmunder AfD-Bundestagskandidaten Matthias Helferich per Facebook-Video ist knapp 5 Minuten lang. Der 32-jährige Jurist wirkt angeschlagen, als er am Sonntagabend zu den ihm zugeschriebenen Chat-Aussagen aus den Jahren 2016/2017 Stellung nimmt.

Helferich spricht von einem „Medien- und Rufmordskandal“ und von „einer parteiinternen Rufmordkampagne“, aufgebracht von unterlegenen Konkurrenten bei der Aufstellung der AfD-Landesliste für den Bundestag. Der AfD-Bundesvorstand hat sich am Montag (2.8.) wiederholt mit der „Causa Helferich“ befasst. Nach dem dortigen Beschluss, der dem gemeinnützigen Recherchenetzwerk CORRECTIV vorliegt, soll ein Schiedsgericht über seine Zukunft im AfD-Landesvorstand entscheiden.

Andere Aussagen „persifliert“

Es stehen mehrere Vorwürfe im Raum: So soll Helferich sich im Chat als „das freundliche Gesicht des NS“ und bezeichnet haben und angekündigt haben, einen „demokratischen Freisler“ geben zu wollen.

In seinem Statement gibt Helferich die Aussagen erstmals zu, relativiert sie jedoch:

Bei ersterer Äußerung habe es sich um eine „Fremdzuschreibung“ von „linken Bloggern und Twitterern“ gehandelt, die er aufgegriffen und persifliert habe. Er selbst habe sich mal als „das freundliche Gesicht des Rechtspopulismus“ bezeichnet. Auch die zweite Äußerung sei eine „Persiflage“ auf ein Adenauer-Zitat gewesen, so Helferich in seinem Video-Statement.

Weitere Vorwürfe, er habe Hitler zitiert und die Nähe zu Neonazis in Dortmund gesucht, weist Helferich zurück. Im Gegenteil, er sei derjenige gewesen, der auf AfD-Kreisebene eine Kooperation mit den Neonazis abgelehnt habe.

Beschluss des Schiedsgerichts

Nach Informationen von CORRECTIV soll nach dem Beschluss des AfD-Bundesvorstands ein Schiedsgericht nun entscheiden, ob Helferich all seiner Parteiämter, darunter als Vize-Landessprecher des NRW-Landesverbandes der AfD und als Beisitzer im Bezirksvorstand Arnsberg enthoben wird.

Michael Schild, wie Helferich stellvertretender AfD-Landessprecher in NRW, äußert sich nach dem Beschluss auf CORRECTIV-Anfrage kritisch: „Ich bin der Meinung, dass die Sanktionen Amtsenthebung und Ämtersperre viel zu sanft sind. Ich rechne mit negativen Auswirkungen für die AfD in ganz NRW, nicht nur in SPD-Hochburgen.“

Die Lage der AfD in NRW schätzt er wie folgt ein: „Die AfD in NRW ist in einer schweren Krise, die Verantwortung dafür tragen Helferich und sein Mentor Lucassen (gemeint ist der NRW-AfD-Landessprecher Rüdiger Lucassen, Anm. d. Red.). Ich habe kein Vertrauen mehr in die Amtsführung von Lucassen. Seine Verzögerungstaktik und versuchte Informationssperren in der Sache Helferich haben die letzten Reste davon zerstört.“

Außerdem soll entschieden werden, ob Helferich die Fähigkeit, jegliches Parteiamt zu bekleiden, für die Höchstdauer von zwei Jahren aberkannt wird.

Juristische Prüfung angekündigt

Er werde aber nicht aus der Partei ausgeschlossen und verbleibe auch auf der Liste, heißt es. Es soll laut CORRECTIV auch einen Antrag auf den Parteiausschluss gegeben haben. Sechs seien dafür gewesen bei sechs Enthaltungen.

Schild aus dem Landesvorstand zeigte sich mit dem Ergebnis gegenüber CORRECTIV nicht zufrieden. Schild und weitere Stimmen aus dem Bundesvorstand kündigen eine juristische Überprüfung des Ergebnisses an.

Meuthen war für Ausschluss

Aus Kreisen des AfD-Bundesvorstandes war im Nachgang zu hören, Parteichef Meuthen sei „deutlich“ für einen Parteiausschluss – und habe auch entsprechend gestimmt.

Helferich selbst blieb bei seiner Haltung und kommentierte den Beschluss des Bundesvorstands am Montag so: „Ich hege keinen Groll gegen den Bundesvorstand und verurteile niemanden für sein Abstimmungsverhalten. Den zahlreichen Mitgliedern und Sympathisanten, die sich hinsichtlich dieser Rufmordkampagne solidarisch mit mir zeigten, danke ich von Herzen und freue mich nunmehr auf den beginnenden Bundestagswahlkampf.“

Kooperation

Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von Lensing Media mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalredaktionen umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org

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