Bundestagswahl 2021

Halterner im Ausland: Wie sehr interessiert sie die Bundestagswahl?

Über die Zusammensetzung des neuen Bundestages und die Besetzung des Bundeskanzleramtes entscheiden auch Halterner mit, die im Ausland leben. 31 haben einen Antrag auf Briefwahl gestellt.
Anja Döbber aus Haltern-Sythen lebt seit Jahren in Australien. Die Bundestagswahl in Deutschland spielt in ihrer Wahlheimat keine Rolle. © Privat

Zur Teilnahme an der Bundestagswahl sind nur Bürgerinnen und Bürger zugelassen, die im Wählerverzeichnis eingetragen sind. Wer im Ausland lebt, ist allerdings nicht automatisch verzeichnet. Er kann das aber beantragen. 31 gebürtige Halterner, die aktuell nicht ihren Lebensmittelpunkt in der Stadt am See haben, haben das getan. Sie leben in Singapur, in Städten der USA, in Spanien, England, Lettland, Italien, Österreich oder der Schweiz beispielsweise.

Das Wahlrecht steht dauerhaft im Ausland lebenden volljährigen Deutschen zu. Sie sind dann nicht ausgeschlossen, wenn sie entweder nach Vollendung des 14. Lebensjahres (das heißt vom Tage des 14. Geburtstages an) mindestens drei Monate ununterbrochen in der Bundesrepublik Deutschland gelebt haben und dieser Aufenthalt nicht länger als 25 Jahre zurückliegt oder wenn sie – wie es in der Gesetzgebung heißt – aus anderen Gründen „persönlich und unmittelbar Vertrautheit mit den politischen Verhältnissen in Deutschland“ erworben haben.

„Immer wieder neue Lockdowns, das ist unser Alltag“

Insgesamt sind 31.013 Bürgerinnen und Bürger Halterns wahlberechtigt. Anja Döbber, die sich vor Jahren für ein Leben in Australien entschieden hat, ist das auch, aber sie hat den Termin für die Briefwahl verpasst, wie sie ehrlich zugibt. Corona-Einschränkungen beeinflussen derzeit ihr Leben massiv. „Immer wieder neue Lockdowns, beziehungsweise nie aus den Reiseeinschränkungen und geschlossenen Landesgrenzen herausgekommen, das ist unser Alltag“, schreibt sie per Mail. Panik und Angst werde durch die einseitige Beeinflussung der öffentlich rechtlichen Medien in Australien seit mehr als 18 Monaten geschürt. „Somit ist mir erst letzte Woche bewusst geworden, dass Bundestagswahlen stattfinden. Damit habe ich natürlich den Termin für eine Briefwahl verpasst“, bedauert Anja Döbber. Die Wahlen in Deutschland spielten in Australien absolut keine Rolle, sagt sie.

Heinrich Grafe und seine Familie haben gewählt

Heinrich Grafe aus Haltern-Flaesheim hat dagegen gewählt. Er lebt bereits seit nunmehr 40 Jahren in Asien, die letzten knapp zwanzig davon in Singapur. „Die Teilnahme unserer Familie an den Wahlen ist mehr als eine Selbstverständlichkeit, aber auch eine große Ehre und eine Pflicht für uns und es sollte für jeden, der eine deutsche Staatsbürgerschaft hat, sein“, schreibt er an die Halterner Zeitung. Seine Frau Gabriele sowie Tochter und Sohn haben wie er bereits ihre Stimmen per Briefwahl abgegeben.

Heinrich Graf lebt mit seiner Familie in Singapur. Er hat Briefwahl gemacht. © Privat © Privat

„Wir und speziell ich sind sehr gut über den Wahlkampf informiert, da wir die Halterner Zeitung, den Münchener Merkur und die SZ regelmäßig online erhalten und lesen“, zählt Heinrich Grafe das große Pensum der Familie auf. Zusätzlich gibt es tägliche Podcasts des ZDF und ARD, die er bei seinem morgendlichen Briskwalk anhört.

Deutsche Politik spielt in Singapur durchaus eine Rolle. „Singapur und Deutschland haben immer sehr eng miteinander zusammengearbeitet und voneinander gelernt, so auch jetzt, während der Corona-Pandemie, wo es spezielle Reisebestimmungen nur zwischen den beiden Ländern gibt“, sagt Heinrich Grafe.

„Singapur und Deutschland haben immer sehr eng miteinander zusammengearbeitet und voneinander gelernt.“

Heinrich Grafe

Eine mögliche Weiterführung oder ein möglicher Wechsel der politischen Landschaft in Berlin würde für Singapur keine größeren Änderungen in den Beziehungen zur Folge haben, glaubt Grafe – „außer wenn Kräfte auf der rechten und linken Seite des Regenbogens zu stark würden.“

Jan Marpe (USA): Briefwahl-Antrag war zu aufwendig

Der Fußballer Jan Marpe (19) wohnt mittlerweile in San Francisco. Dort studiert er am Saint Mary’s College of California das Fach Psychologie.

Fußballer Jan Marpe hat sich für ein Studium in den USA entschieden. Studium, Sport, aber nicht die Politik stehen gerade für ihn im Vordergrund. © Nico Herbertz / MSV Duisburg © Nico Herbertz / MSV Duisburg

Spielen wird er dort in der Division I, der höchsten Spielklasse für Universitätsteams. Dem Linksverteidiger ist die Wahl diesmal ziemlich egal. „Es war mir einfach zu aufwendig, eine Briefwahl anzufordern“, schreibt er. Allerdings habe er sich mit den Wahlprogrammen der Parteien auseinander gesetzt. Nur mache er eben in diesem Jahr von seinem Wahlrecht kein Gebrauch.

Christian Schulte-Loh: Verlässlichkeit und Langeweile

Der in Haltern gebürtige und in London beheimatete Christian Schulte-Loh (Komiker, Moderator und Autor) tritt am Wahltag in Brüssel auf (auf Englisch) und hat bereits per Briefwahl über die heimatliche Zukunft abgestimmt. „Großbritannien guckt genauso obsessiv auf die deutsche Politik wie das eben auch umgekehrt gilt. Nur dass es in Deutschland natürlich ein wenig ereignisärmer und nicht ganz so unterhaltsam zugeht“, schreibt der 42-Jährige an die Halterner Zeitung. „Aber Unterhaltung konnten die Briten eben schon immer ein kleines bisschen besser.“

Der gebürtige Halterner Christian Schulte-Loh lebt als Komiker in London. Er hat nun ein Buch geschrieben: „Zum Lachen auf die Insel – Als deutscher Komiker in England“. © privat © privat

So sehr der deutsche Blick vor allem von der, um es wohlwollend zu formulieren, Exzentrik der britischen Politik fasziniert sei, so sehr gelte umgekehrt die Faszination – und Sehnsucht – der Engländer nach der deutschen Verlässlichkeit und, nun, Langeweile. Man erfreue sich eben immer am meisten an dem, was man selbst nicht habe. „Ein Glück! Denn da sind sich in Zeiten der gesellschaftlichen Spaltung ausnahmsweise mal alle einig.“

Stefan Kania: Die Antragsfrist verpasst

Seitdem Stefan Kania aus Haltern-Lippramsdorf im Ausland wohnt, hat er bei keiner Bundestagswahl seine Stimme abgegeben. „Als ich noch in Deutschland gelebt habe, habe ich gewählt, da es relativ einfach war, am Wahltag in der örtlichen Schule seine zwei Kreuze zu machen. Der zusätzliche Aufwand, einen schriftlichen Antrag zu stellen, hat mich seitdem davon abgehalten“, gesteht der 31-Jährige. Er arbeitet als Data Scientist in London.

Stefan Kania, geboren in Haltern-Lippramsdorf, ist mit seiner Frau in London zu Hause. Politik in Deutschland interessiert ihn sehr. © Privat © Privat

Eigentlich wollte er, der gerade geheiratet hat, in diesem Jahr zum ersten Mal auch aus dem Ausland wählen, da ihn vor allem die globalen Probleme zunehmend beunruhigen. „Letztendlich habe ich die Antragsfrist dann aber doch verpasst“, bedauert Stefan Kania. „Es ärgert mich wirklich, dass ich es wieder verpasst habe, zu wählen, da ich weiß, wie wichtig es ist.

Großbritannien guckt genauso obsessiv auf die deutsche Politik wie das eben auch umgekehrt gilt.

Christian Schulte-Loh

Um sich über deutsche Politik zu informieren, guckt er fast täglich die Tagesschau und hat sich auch die Trielle live über YouTube angesehen. „Ich lese relativ viel über die Wahl in der britischen Presse – vor allem über das Ende der Merkel-Ära. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich besonders viele Artikel in meinem Newsfeed sehe, weil Google bereits weiß, dass ich ein Deutscher im Ausland bin.

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