Musik in der Krise

Abstandsregeln und Altersschnitt machen Shanty-Chor Herten zu schaffen

Blauer Himmel, das erste Treffen seit langem, und noch dazu aus einem freudigen Anlass. Dennoch herrscht bei der Mitgliederehrung des Shanty-Chors Herten nicht nur eitel Sonnenschein.
Diese langjährigen Mitglieder sind vom Shanty-Chor Herten nicht mehr wegzudenken (vorne, v.l.): Peter Tolusch, Chorleiter Karl Hildebrandt, Marianne Geiger, Wolfgang Klose und Horst Gehlich (hinten re.). Es gratulieren (hinten v.l.): Karl-Josef Ptaschek (Vorsitzender Vestischer Sängerkreis) und der Shanty-Chor-Vorsitzende Reinhold Kleinekort. © Oliver Prause

Der Shanty-Chor Herten hat sich am Montag (19.7.) erstmals seit längerer Zeit zu einer Mitgliederversammlung getroffen. Der Anlass war ein freudiger: Mehrere „Urgesteine“, die dem Chor bereits seit seiner Gründung im Jahr 1980 angehören, wurden für ihre Treue mit Urkunden ausgezeichnet.

Karl-Josef Ptaschek, der Vorsitzende des Vestischen Sängerkreises, überreichte eine solche unter anderem Karl Hildebrandt. Der Chorleiter wurde sogar noch von höherer Stelle gewürdigt. In seinem Grußwort zu den Verdiensten des 78-Jährigen betonte Christian Wulff die Bedeutung von Chor-Gemeinschaften für unsere Gesellschaft. Der Bundespräsident a.D. und jetziger Vorsitzender des Deutschen Chorverbandes hofft, dass nach schwierigen Monaten in der Pandemie bald umso enthusiastischer gesungen wird und Chöre wieder Zulauf finden werden.

Abstandsregeln erschweren das gemeinsame Singen

Das ist der Wunsch des Shanty-Chors in Herten. Bis dahin sei es ein weiter Weg, meint Chorleiter Karl Hildebrandt: „Die Corona-Beschränkungen machen es uns nicht leicht.“ So hätte man in der kritischen Pandemie-Zeit zwar eine Zeitlang noch draußen auf einer Wiese üben können. Dabei sei aber ein Abstand von drei Metern zwischen den Sängern Pflicht gewesen. „Aktuell sind es zwar ‚nur‘ 1,5 Meter, aber das Gemeinschaftsgefühl kommt weiterhin nicht auf.“

Ein Chor müsse zusammenstehen, um richtig wirken zu können, meint auch Shanty-Chor-Vorsitzender Reinhold Kleinekort. Er verfolgt die Kontaktbestimmungen des Deutschen Chorverbandes mit Argusaugen – und befürchtet, dass diese demnächst wieder verschärft werden könnten. „Fast hätten wir sogar unser Treffen absagen müssen. Denn die kreisweite Inzidenz liegt ja wieder über 10 – zum Glück für uns aber noch nicht acht Tage hintereinander.“

„Ein ganzer Chor“ ist bereits verstorben

Weiter steigende Coronazahlen wären Gift für die Zukunftspläne des Shanty-Chores. Und die gibt es glücklicherweise. „Während andere Chöre bereits die Segel gestrichen haben, halten wir durch. Und es hat in der ganzen Zeit keinen einzigen Austritt gegeben“, sagt Karl Hildebrandt nicht ohne Stolz. Doch eine traurige Sache will auch er nicht verhehlen: „Viele Mitglieder haben wir leider verloren, weil sie verstorben sind.“ Reinhold Kleinekort ergänzt: „31 seit unserer Gründung – das ist, für sich genommen, ein ganzer Chor.“

Erschwerend hinzu kommt, dass der Nachwuchs fehle. „Ein Problem, dass aber nicht nur Chöre betrifft“, meint Karl Hildebrandt. Vereine seien grundsätzlich nicht mehr angesagt bei der Jugend, die mehr für spontane Treffen übrig habe.

Erste Auftritte im Herbst geplant

Chöre müssten sich regelmäßig treffen, um gesanglich fit zu bleiben. Montags ab 18 Uhr ist das beim Shanty-Chor, der sein Domizil in der Johanneskirche in Herten-Süd hat, der Fall. Dann wird geprobt, was das Zeug hält – für Auftritte, die es irgendwann mal wieder geben soll.

„Wir arbeiten daran, vor Weihnachten in einem Kulturzentrum in Marl-Brassert auftreten zu können“, sagt Karl Hildebrandt. Unterdessen erinnert er sich an frühere Konzerte, wie dem mit einer Brass-Band in Hertens Partnerstadt Doncaster: „Da war eine ganze Aula voll und haben die Wände gebebt.“ Einmal sei dem Chor bei seinen Segeltörns gar der britische Zoll auf die Schliche gekommen. „Wir hatten viel Bier in unserer Dusche, das hat der Beamte glatt übersehen“, sagt er augenzwinkernd.

Spontanes Konzert auf der Autobahn

Ein Highlight der über 40-jährigen Geschichte sei der spontane Auftritt auf einer Autobahn auf dem Weg nach Schneeberg gewesen. „Wir standen im Stau und haben die anderen Wartenden daher mit unserem Gesang unterhalten.“

Der Shanty-Chor Herten

– Die Gründung des Shanty-Chors Herten e.V. erfolgte bereits im Oktober 1980.
– Drei der Gründungsmitglieder sind heute noch aktiv.
– Zurzeit besteht der Chor aus 31 Aktiven, 6 Inaktiven und 17 Förderern.
– Von Anfang an hat der Chor es sich zur Aufgabe gemacht, die Shanties (Arbeitslieder auf den alten Segelschiffen) zu erhalten, zu singen und weiterzugeben. Dieses alte Kulturgut zu pflegen, ist Ziel und Aufgabe des Chores und in seiner Satzung festgeschrieben.
– Auftritte in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, England, Frankreich und in der Tschechischen Republik haben den Chor weit über die Grenzen Hertens hinaus bekannt gemacht.

Der Abend in Herten

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