Kommentar zur Woche

Alles im Blick

Ob es um die Bekämpfung der Corona-Pandemie geht oder um die Digitalisierung der Schulen – Herten kommt kaum voran. Aber die Stadtverwaltung behält alles im Blick.
Frank Bergmannshoff, Redaktionsleiter Hertener Allgemeine © Anna Lisa Oehlmann

Seit dem 22. Mai, also seit genau einer Woche, führt Herten ununterbrochen und unangefochten die Statistik der Corona-Inzidenzen im Kreis Recklinghausen an. In den vergangenen Monaten hatte Herten diesen unrühmlichen Spitzenplatz schon einige Male inne – zeitweise auch in ganz NRW. Jedoch ist die Kluft zwischen Herten und – salopp gesagt – dem Rest der Welt inzwischen besonders groß. Im Kreis-Durchschnitt lag die Inzidenz am Freitag bei 41,4 und am Samstag bei 40,1, in Herten war sie am Freitag bei 101,9, am Samstag gar bei 108,4.

Pandemie-Bekämpfung per Müllwagen

Das Phänomen ist also alles andere als neu. Doch was hat die Stadtverwaltung bisher getan, um diesen Trend zu durchbrechen? Es wurden Müllwagen mit Info-Bildern beklebt, in den Fußgängerzonen mehrsprachige Maskenpflicht-Schilder aufgestellt und als Beilage in einem Anzeigenblatt Flyer verteilt. Das alles ist Monate her, der Effekt hält sich offenkundig in Grenzen.

Nun könnte man meinen, dass der von Bürgermeister Matthias Müller geleitete städtische Krisenstab, der diese Woche zweimal tagte, das Ruder endlich in die Hand nimmt und beherzt gegensteuert. Doch das ist nicht der Fall. Man behalte die Lage im Blick, hieß es am Dienstag. Man behalte die Lage im Blick, hieß es auch am Freitag. Der Kommunale Ordnungsdienst könne nicht intensiver kontrollieren, denn er sei personell längst am Limit. Aber mittelfristig wolle man vielleicht die Öffentlichkeitsarbeit intensivieren.

Weder Impfaktion noch Aufklärungskampagne

Gezielte Informationskampagnen in Wohnquartieren, in denen aufgrund sozialer Indikatoren das Infektionsrisiko erhöht sein könnte? Fehlanzeige.Serien-Impfungen in bestimmten Ortsteilen, wie es die Stadt Ratingen für das nächste Wochenende plant? (Ratingen ist eine kreisangehörige Stadt mit 92.000 Einwohnern, also Herten gar nicht so unähnlich.) Nicht geplant beziehungsweise von Kreis- und Stadtverwaltung nicht für nötig gehalten.Angebote an Moschee- und Kirchengemeinden, Sportvereine und andere Verbände, dass Fachleute dort zum Beispiel vor den Gottesdiensten kurze Vorträge halten, um dem Falsch- und Nichtwissen in Teilen der Bevölkerung etwas entgegenzusetzen? Könnte man machen. Mittelfristig.

Tatsächlich: Wenn man das Thema nur lange genug aussitzt – Pardon: im Blick behält –, dann werden die Zahlen wahrscheinlich sinken. Vielleicht schon nächste Woche. Der Sommer kommt, die Menschen drängt es aus ihren mehr oder weniger engen Wohnverhältnissen nach draußen. Dort ist das Infektionsrisiko bekanntlich minimal. Und womöglich kann der Krisenstab in ein, zwei Wochen tatsächlich vermelden: Die Zahlen sind unten, alles prima.

Kommt im Herbst das böse Erwachen?

Doch das böse Erwachen kommt dann im Herbst. Menschen, die heute falsch oder gar nicht informiert sind, die heute die Test- und Impf-Angebote nicht wahrnehmen, die heute unwissentlich oder fahrlässig oder vorsätzlich die Hygiene-Regeln missachten – diese Menschen werden das auch im Herbst noch tun und die Pandemie erneut anheizen. Jetzt aktiv zu werden und die Lage nicht nur zu beobachten, das ist das Gebot der Stunde.

Aktiv werden – auch bei der Digitalisierung

Aktiv werden – das sollte auch die Devise bei der Digitalisierung der Schulen sein. Zwar ist nach dem Amtsantritt von Matthias Müller immerhin die Beschaffung von Endgeräten für Schüler und Lehrer auf den Weg gebracht worden. Aber die Verteilung erfolgt erst jetzt, wo der Distanzunterricht und somit die größte Not vorbei ist. Und die Zuteilung an die Schulen richtet sich nicht nach dem tatsächlichen Bedarf, sondern nach der Schülerzahl.Das muss man sich mal vorstellen: Die Geräte sollen ganz ausdrücklich für Kinder aus finanziell benachteiligten Familien bestimmt sein, aber bei der Zuteilung an die Schulen wird dieses Kriterium außer Acht gelassen.

Digitale Tafeln beim Wettbewerb „erspielt“

Immerhin ist dieses Vorgehen eine schlüssige Fortsetzung der Glasfaser-Posse. Wir erinnern uns: Im Frühjahr wurde bekannt, dass beim vollmundig angekündigten Glasfaser-„Anschluss“ der Hertener Schulen in Wahrheit erst mal nur Leerrohre gezogen worden sind. Ob dann auch wirklich Leitungen verlegt und angeschlossen und von einem Dienstleister kostenpflichtig betrieben werden, war im Vorfeld nicht geklärt worden.

Vielleicht müssen sich die Hertener Schulen ihren Glasfaser-Anschluss aber auch erst „erspielen“? Das Städtische Gymnasium und die Rosa-Parks-Schule nahmen in den vergangenen Wochen an einem Wettbewerb der Sparda-Bank teil, um mit dem erhofften Preisgeld die spärliche IT-Ausstattung etwas aufzubessern. Das Gymnasium kann sich jetzt ein paar digitale Tafeln kaufen, die RPS ging leer aus. Aber ganz bestimmt behält die Stadtverwaltung auch diese Entwicklung im Blick.Schönes Wochenende!

Der Abend in Herten

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.