Patienten und Praxisteams frustriert

„Eine Katastrophe“: Terminchaos bei Hertener Ärzten nach Stiko-Aussage

Seit Monaten sind die Arztpraxen im Impftermin-Stress. Gerade hatte sich die Lage auch in Herten etwas beruhigt, da sorgt eine Entscheidung der Stiko zu Astrazeneca für erneutes Chaos.
Astrazeneca-Ampullen (Mitte) haben für Zweitimpfungen ausgedient. Patienten, die in Deutschland ihre erste Impfung mit dem Präparat erhalten haben, sollen beim Folgetermin einen mRNA-Impfstoff von BioNTech (l.) oder Moderna (r.) injiziert bekommen. © dpa (Archiv)

Mit dieser überraschenden Entscheidung hat sich die Ständige Impfkommission (Stiko) in der Politik keine Freunde gemacht: Sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wurde kalt erwischt, als das Expertengremium am Donnerstag aus heiterem Himmel empfahl, bei mit Astrazeneca Erstgeimpften künftig bei der Zweitimpfung auf mRNA-Impfstoffe zu setzen und außerdem den zeitlichen Abstand zwischen den Impfterminen deutlich zu reduzieren.

Ausbaden müssen das Kommunikationsdesaster aber einmal mehr die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort in den Arztpraxen. „Es ist eine Katastrophe!“, nimmt Klaus Hillebrand kein Blatt vor den Mund.

In seiner Praxis an der Kaiserstraße 88 hat er in den vergangenen Monaten schon so manche böse Überraschung erlebt: „Erst gab es fast keinen Impfstoff, dann hatte sich das eine Zeitlang zwar normalisiert. Später hatten wir dagegen Probleme, weil bereits woanders geimpfte Patienten ihre Termine bei uns nicht abgesagt haben. Und nun das.“

Es herrscht große Verunsicherung in Hertener Arztpraxen

Der 1. Vorsitzende des Hertener Praxisnetzes schildert ein System, in der es viele Verlierer gibt: Patienten, die aufgrund des Alleingangs der Stiko völlig verunsichert sind, lassen ihren Frust an den Praxisteams aus, obwohl diese seit Monaten alles tun, um jedem eine zeitnahe Impfung zu verschaffen.

Klaus Hillebrand gesteht ein, dass es nach aktueller Datenlage sinnvoll sei, durch den Einsatz von mRNA-Impfstoffen kürzere Abstände zwischen Erst- und Zweitimpfung zu gewährleisten. „Aber die Entscheidung hätte vor Wochen fallen müssen, als die Virologen das bereits vorgeschlagen haben.“

Dies aber ausgerechnet unmittelbar vor Beginn der Sommerferien in NRW zu verkünden, stelle ihn, aber auch viele seiner Kollegen in Herten vor große Herausforderungen: „Manche Praxen sind in den Ferien zu.“ Da sei es kaum möglich, spontan noch Zweitimpftermine einzuschieben.

Impfstoff-Lieferungen: Ärzte in Herten noch skeptisch

Genau solche kurzfristigen Termine soll es aber laut Stiko-Empfehlung für Personen geben, die als erste Dosis Astrazeneca erhalten hatten. Da nun bei ihrer Zweitimpfung ein mRNA-Präparat wie BioNTech oder Moderna verabreicht wird, könnte ihr Termin um Wochen vorgezogen werden, und viel mehr Menschen in Deutschland wären vor Beginn der kritischen Herbstsaison vollständig immunisiert – höchstwahrscheinlich auch gegen die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus.

Soweit die Theorie. Die Praxis in den Praxen sieht anders aus. Einerseits müsse man das logistisch hinbekommen, andererseits auch genug Impfstoff vorhanden sein, gibt Klaus Hillebrand zu bedenken. Gerade bei letzterem Punkt hat der Hertener Ärztenetzsprecher so seine Zweifel: „Mal abwarten, was in der nächsten Woche bei uns ankommt.“ Auf vollmundige Ankündigungen von Jens Spahn gibt der Mediziner nicht mehr viel, zu oft seien Lieferversprechen nicht eingehalten worden.

In der aktuellen Lage hofft Klaus Hillebrand daher, dass eventuell das Impfzentrum in Recklinghausen in die Bresche springt und zusätzliche Termine anbieten wird: „Die Hausärzte können das alleine nicht stemmen.“

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