KZ-Überlebende bleibt in Erinnerung

Esther Bejarano lebt nach dem Tod in den Herzen vieler Hertener weiter

Sie hat nicht nur die Hölle von Auschwitz überlebt, auch nach ihrem Tod am 10. Juli wird Esther Bejarano in den Herzen weiterleben. Sie wusste zu beeindrucken, auch viele Menschen in Herten.
Esther Bejarano, die den Holocaust und das KZ überlebte, spricht bei einem Vortrag in der Rosa-Parks-Schule vor Schülerinnen und Schülern über Ihr Leben. © Sabine Weißenberg

Die jüdische Künstlerin Esther Bejarano hat mit ihren Vorträgen und Liedern ihr Leben lang dafür gesorgt, dass die Erinnerung an die Grauen des Naziregimes wachgehalten wurde. Mit aller Kraft und ihren friedlichen Mitteln kämpfte sie gegen Hass und Gewalt. Auch in Herten war die kleine Frau mit dem scharfen Verstand und dem unbeugsamen Willen mehrfach zu Gast. Hunderte Schülerinnen und Schüler ließ sie nach ihren Besuchen in der Rosa-Parks-Schule, am Städtischen Gymnasium und in der Willy-Brandt-Realschule tief bewegt zurück.

Die Lehrerin Renate Tellgmann (links) im Gespräch mit Esther Bejarano bei deren Besuch in der Rosa-Parks-Schule.
Die Lehrerin Renate Tellgmann (links) im Gespräch mit Esther Bejarano bei deren Besuch in der Rosa-Parks-Schule. © Sabine Weißenberg © Sabine Weißenberg

Eine, die sich mit ganz besonderer Wärme an die wortgewandte alte Dame erinnert, ist Renate Tellgmann. Die langjährige Lehrerin der Rosa-Parks-Schule ist selbst eine Kämpferin für Frieden und Völkerverständigung, pflegt enge Kontakte zu Menschen jüdischen Glaubens und sah sich stets in der Pflicht, ihren Schülern demokratische Werte und Respekt vor Andersdenkenden zu vermitteln.

„Mich hat Esther Bejarano unglaublich beeindruckt“, erzählt Renate Tellgmann. Dreimal begegnete sie der KZ-Überlebenden. „Diese körperlich kleine Person strahlte eine Kraft aus, wenn es darum ging, ihre Botschaft vor allem an die junge Generation deutlich und energisch zu übermitteln.“

„So lange reden und singen, bis es keine Nazis mehr gibt“

Sie sei sehr froh, dass sie Bejarano persönlich habe kennenlernen können. Ihre Botschaft sei immer klar, kompromisslos und eindeutig gewesen: „Ich werde so lange reden und singen, bis es keine Nazis mehr gibt“, habe Esther Bejarano stets erklärt. „Wenn sie vor den Schülerinnen und Schülern stand, begleitet von ihrem Sohn Joram und Kultlu Yurtseven von der ,Microphone Mafia‘, gab es keine Zweifel, wer das Sagen hatte: Mutti, wie sie liebevoll von den Beiden angesprochen wurde“, erzählt Renate Tellgmann.

Die Lehrerin sagt: „Mich hat sehr berührt, dass sich unsere Jugendlichen vor ihr auf den Boden setzten, um noch persönlich mit ihr ins Gespräch zu kommen. Dass die Jüdin Esther zusammen mit dem Muslim Kutlu auftrat, öffnete die Augen derer, die nie Kontakt mit Juden hatten oder haben wollten. Gerade heute, wo der Antisemitismus in Deutschland wieder gesellschaftsfähig zu werden scheint, ist Esthers Appell so wichtig: ,Wehrt euch und schaut nicht weg‘. Wie kann ,Jude‘ ein Schimpfwort sein?“

Kampf gegen jegliche Missachtung der menschlichen Würde

Zuletzt begegnete Renate Tellgmann der alten Dame vor zwei Jahren. Da war sie 94 Jahre alt und gesundheitlich nicht mehr ganz fit, aber voller Überzeugung, weiter aufzutreten. Die Distelner Pädagogin hat eine Vision: „Ich wünsche mir sehr, dass alle Menschen, die sie persönlich kennengelernt haben, über ihren Tod hinaus ihren Kampf gegen jegliche Art von Missachtung der menschlichen Würde weiterführen. Ein Beispiel: die friedlichen Gegendemonstrationen vor Synagogen nach widerlichen, nicht nur verbalen Attacken.“

Schrecken des Vernichtungslagers werden spürbar

Wenn Esther Bejarano vor den Schülern aus ihrem Buch „Erinnerungen“ las, wurden die Grauen des Nazi-Terrors spürbar: Sie beschrieb die mehrtägige Fahrt, eingepfercht in Viehwaggons, ins Vernichtungslager Auschwitz. Sie las vor, wie man Kranke und Gehbehinderte, Mütter mit Babys, Schwangere und Menschen über 45 direkt zu den Gaskammern fuhr. Sie selbst überlebte nur, weil sie Mitglied des Mädchenorchesters im KZ Auschwitz wurde. Dieses Orchester spielte, als die Züge in Auschwitz ankamen. Es war schrecklich für sie, die Menschen winken zu sehen, weil sie dachten: Wo Musik spielt, kann es ja nicht so schlimm sein. Dabei wusste die junge Musikerin Esther genau, dass der Weg für fast all diese Menschen in die Gaskammer führen würde.

Esther Bejarano singt 2015 Lieder gegen Hass und Krieg mit ihrem Sohn Joram und Kutlu Yurtseven von der „Microphone Mafia“ vor Schülerinnen und Schülern der Rosa-Parks-Schule.
Esther Bejarano singt 2015 Lieder gegen Hass und Krieg mit ihrem Sohn Joram und Kutlu Yurtseven von der „Microphone Mafia“ vor Schülerinnen und Schülern der Rosa-Parks-Schule. © Sabine Weißenberg © Sabine Weißenberg

Selten lauschten junge Menschen so gebannt wie bei den Lesungen Esther Bejaranos. „Meiner Meinung nach hätte sie noch ihr ganzes Buch vorlesen können. Es war schön, sie kennenlernen zu dürfen, da wir wahrscheinlich die letzte Generation sind, die die Geschichte von Überlebenden der Konzentrationslager direkt hören können“, sagte ein Schüler tief beeindruckt. Ein anderer war von ihrem Esprit begeistert: „Sie wirkte trotz ihres hohen Alters so lebendig und sie erzählte ihre Schicksalsschläge, die sie in jungen Jahren erleben musste, sehr emotional und mit sehr viel Power. Ich habe großen Respekt vor dieser starken Person. Nicht viele Menschen in diesem Alter und mit dieser grausamen Vergangenheit haben noch die Kraft, vor Hunderten von Menschen zu reden und zu singen.“ Von einer Überlebenden die wahre Geschichte ohne Verfälschung zu hören, das sei etwas ganz Besonderes.

  • Esther Bejarano wurde am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter eines jüdischen Oberkantors georen. Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht, sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde.
  • Im KZ überlebte Esther Bejarano nur, weil sie im Mädchenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel aus, kehrte 1960 jedoch mit ihrem Ehemann nach Deutschland zurück.
  • Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern.
  • Bejarano war Vorsitzende des Auschwitz-Komitees. Sie engagierte sich jahrzehntelang gegen Rechtsextremismus und Rassismus, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

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