Schüler auf dem Hof Wessels

Fast wie bei Schweisfurth: Das Landpraktikum lebt wieder auf

Fast 20 Jahre lang erlebten Hertener Schüler bei Karl Ludwig Schweisfurth in Herrmannsdorf die ökologische Landwirtschaft hautnah. An diese Tradition knüpft jetzt der Hof Wessels an.
Bei der Kartoffelernte haben Emma (Städt. Gymnasium) sowie Anika und Franziska (Martin-Luther-Schule) sichtlich Spaß. © Fotografie Witte Wattendorff

Tiere füttern und Ställe ausmisten, Beete anlegen und Gemüse ernten, Kochen mit selbst angebauten Lebensmitteln – all das macht auf dem Hof Wessels seit vielen Jahren die Projekte für junge Menschen aus. Doch das „Planspiel Bauernhof“, das jetzt stattgefunden hat, geht noch weiter. „Die Jugendlichen sollen nicht nur etwas tun, sondern sie sollen mit Kopf, Herz und Hand die Hintergründe erfahren und verstehen“, erklärt Hofleiterin Karina Spohr. Es gehe um eine nachhaltige und zukunftsfähige Landwirtschaft in Zeiten von Klimawandel einerseits und Hungersnöten andererseits.

Einst war der Hof Wessels der Ort, an dem sich jedes Jahr 20 Jugendliche von Hertener Schulen trafen, um ihr ökologisches Landpraktikum bei Karl Ludwig Schweisfurth in Herrmannsdorf bei München vor- und nachzubereiten. Doch mit Schweisfurths Tod ist diese Tradition endgültig weggebrochen. Vor rund 35 Jahren hatte sich der Hertener Wurstfabrikant zum Pionier der ökologischen Landwirtschaft gewandelt. Jahr für Jahr gab er seine nachhaltige Lebens- und Arbeitsphilosophie an junge Menschen weiter.

„Viele Kinder waren noch nie auf einem Bauernhof“

An diese Zeit knüpft der Hof Wessels jetzt selbst an. Der Hof der Hertener Bürgerstiftung ist gerade erst vom Landesumweltministerium als „Regionalzentrum Bildung für nachhaltige Entwicklung“ deklariert worden. Am Planspiel nahmen 19 Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgängen 8 und 9 des Städtischen Gymnasiums, der Rosa-Parks-Gesamtschule, der Erich-Klausener-Realschule und der Martin-Luther-Sekundarschule teil. „Viele Kinder waren noch nie auf einem Bauernhof oder hatten Kontakt zu Nutztieren, das merkt man ihnen an“, sagt Mitarbeiterin Nicole Gwizdek.

In der Küche auf dem Hof Wessels werden Knoblauch und Kräuter für das vegane Mittagessen gehackt.
In der Küche auf dem Hof Wessels werden Knoblauch und Kräuter für das vegane Mittagessen gehackt. © Rosa-Parks-Schule © Rosa-Parks-Schule

Eine Woche lang arbeiteten die Schüler/innen abwechselnd in den Bereichen „Ökologische Landwirtschaft“, „Tierversorgung“ und „Nachhaltige Ernährung“. In der Küche entstanden leckere vegetarische Gerichte wie beispielsweise Falafel oder ein „Vegan Bean Burger Deluxe“. Die Jugendlichen schnippelten begeistert, hackten Knoblauch und sogar der Ketchup wurde mit frischem Ingwer und Orangensaft selbst hergestellt. Alex aus der 9.4 der Rosa-Parks-Schule berichtete, das Kochen gefalle ihm am besten, da man alles nachkochen könne. Und es sei ihm erst jetzt klargeworden, wie viel Arbeit dahintersteckt.

Die Hoftiere werden nicht nur gepflegt und gefüttert, sondern dürfen natürlich auch mal gestreichelt werden.
Die Hoftiere werden nicht nur gepflegt und gefüttert, sondern dürfen natürlich auch mal gestreichelt werden. © Rosa-Parks-Schule © Rosa-Parks-Schule

Schurwolle reinigen mit Efeu-Waschmittel

Solche Überraschungen und Aha-Effekte gab es reichlich. Zum Beispiel, als einheimische Schurwolle mit selbst hergestelltem Waschmittel aus Efeu gereinigt wurde. Oder als die Schüler/innen lernten, wie man ein sicheres Lagerfeuer entfacht und welchen ökologischen Nutzen eine Wildobsthecke hat. Oder zum Abschluss beim Besuch auf dem Bio-Hof zur Hellen im Windrather Tal bei Velbert, wo die Kälber nach der Geburt nicht, wie in der konventionellen Landwirtschaft üblich, von ihren Müttern getrennt werden, sondern bei ihnen verbleiben.

Die Kürbisernte ist reichhaltig ausgefallen.
Die Kürbisernte ist reichhaltig ausgefallen. © Rosa-Parks-Schule © Rosa-Parks-Schule

Neue Freundschaften über Schulgrenzen hinweg

Ob bei der Kürbis- und Kartoffelernte oder beim Ausmisten der Ställe von Ponys, Ziegen, Kaninchen und Schafen – die Stimmung war während der Hofwoche gut, sogar als es mal nieselte. Es war halt ein bisschen wie in Herrmansdorf, wo durch die gemeinsame, durchaus harte Arbeit stets auch der Gemeinschaftssinn gestärkt wurde. „Es war ein sehr verbindendes Projekt“, resümiert Hofleiterin Karin Spohr. „Zwischen Jugendlichen von verschiedenen Schulen sind Freundschaften entstanden.“ Eine weitere Auflage ist daher geplant, aus der im besten Fall eine neue Tradition von Landpraktika entstehen könnte.

Stichwort: Herrmannsdorfer Landwerkstätten

Der in Herten geborene Metzgermeister und Fabrikant Karl Ludwig Schweisfurth – 2020 mit 89 Jahren gestorben – machte einst Herta zum führenden Fleisch verarbeitenden Konzern Europas, bevor er nach einer Fastenreise den Betrieb an Nestlé verkaufte, nach Glonn bei München zog und auf dem Gut Herrmannsdorf als Pionier der ökologischen Landwirtschaft von sich reden machte. Die Handwerkskunst und den Menschen in den Mittelpunkt stellen, in besserem Einklang leben mit Tier und Umwelt – das war fortan seine Prämisse.

Ab 1999 lud Schweisfurth fast 20 Jahre lang einmal jährlich 20 Jugendliche von weiterführenden Schulen Hertens zum ökologischen Landpraktikum nach Herrmannsdorf ein. Zwei Wochen lang lernten sie eine nachhaltige, verantwortungsvolle Landwirtschaft kennen. Die Zeit war geprägt von harter Arbeit, aber auch starkem Gemeinschaftsgefühl.

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