Info-Treff am Sandweg - mit Video

Harte Worte, Wut, Tränen – und am Ende kein Unterstand am Spielplatz

Sie klagen über nächtlichen Lärm, Drogen- und Alkoholexzesse, Pöbeleien, sogar „Sexorgien“: Anwohner des Spielplatzes am Sandweg nutzen am Mittwoch den Info-Treff vor Ort für einen Hilferuf.
Baurätin Janine Feldmann spricht beim Info-Nachmittag auf dem Spielplatz Sandweg, der umgestaltet werden soll. Hinter ihr steht Jan-Tobias Welzel (ZBH), links im Bild vor dem Plan Dirk Ruß (Stadtteilbüro Hassel.Westerholt.Bertlich). © Carola Wagner

Die Stimmung schwankt zwischen Aggression und Verzweiflung, es gibt giftige Worte, Tränen fließen: Groß ist der Andrang beim Info-Treffen am Mittwochnachmittag, 28. Juli, auf dem Spielplatz am Sandweg. Die Stadtverwaltung hat interessierte Bürger eingeladen, um Pläne für die Umgestaltung zu präsentieren.

So sieht der Spielplatz am Sandweg aktuell aus.
So sieht der Spielplatz am Sandweg aktuell aus. © Carola Wagner © Carola Wagner

Was da unter dem fröhlichen Motto „Wilde Wiese“ präsentiert wird, gerät jedoch in den Hintergrund. Über Spielgeräte mit bunten Käfern will kaum einer der rund 60 Besucherinnen und Besucher reden. Vielmehr geht es um massive Klagen seitens einer Gruppe von Anwohnern, die sich von jugendlichen Besuchern des Spielplatzes gestört fühlen. Es gibt Beschuldigungen in Richtung Stadtverwaltung und Polizei, die Problematik nicht ernst genug zu nehmen oder gar zu beschönigen.

Baurätin Janine Feldmann findet es nicht nachvollziehbar, dass Anlieger des Spielplatz die Jugendlichen von dort vertreiben wollen.
Baurätin Janine Feldmann findet es nicht nachvollziehbar, dass Anlieger des Spielplatz die Jugendlichen von dort vertreiben wollen. © Carola Wagner © Carola Wagner

Baurätin wird lautstark angegriffen

Als Baurätin Janine Feldmann zum Auftakt zum Mikrofon greift, um den Sinn des Konzepts zu erläutern, wird sie mehrfach lautstark angegriffen. Die Fronten sind verhärtet: Dass von den Anwohnern eine Online-Petition gestartet wurde, um den Umbau des Spielplatzes zu stoppen, empfindet Feldmann als „Hetzkampagne“. Sie sagt: „Wir können Kinder und Jugendliche nicht wegsperren“, und betont die Notwendigkeit von Orten wie diesem, an denen junge Leute Zeit verbringen können. „Die Botschaft, junge Menschen nicht ertragen zu wollen, finde ich unerträglich“, so Janine Feldmann.

Viele Interessierte sind der Einladung zum Info-Nachmittag auf dem Spielplatz am Sandweg gefolgt.
Viele Interessierte sind der Einladung zum Info-Nachmittag auf dem Spielplatz am Sandweg gefolgt. © Carola Wagner © Carola Wagner

Nachdem Jan-Tobias Welzel, Bereichsleiter „Grün“ beim Zentralen Betriebshof (ZBH), die Pläne präsentiert hat, treten Anwohner vor. Doch sie wollen nicht über Blumenschaukeln und Wipptiere reden, sondern ihre Nöte schildern. „Wir wollen unsere Ruhe haben“, sagt Dagmar Buchholz und erzählt, wie ein Unterstand in Brand gesetzt wurde. „Bei lauter Musik werden Alkohol-Exzesse gefeiert“, berichtet sie.

„Wir haben nichts gegen Kinder – die Jugendlichen sollen hier weg“

„Wir haben nichts gegen Kinder“, sagt Heike Kazmierczak – ein Satz, der immer wieder fällt. „Die Jugendlichen sollen hier weg.“ Sie erzählt von Exkrementen vor ihrer Haustür. Auch warnt sie davor, den Spielplatz zum angrenzenden Weg zu öffnen: „Die Radfahrer rasen hier durch – wenn ein Kind auf den Weg läuft, gibt es ein Unglück.“

Oliver Kirch ist Mitinitiator der Online-Petition „STOPPT den geplanten Umbau Spielplatz Sandweg!“. Ständig räume er Wodkaflaschen, Drogentüten, Spritzen weg. Er sagt: „Wir sind nicht gegen den Spielplatz, sondern gegen die Randerscheinungen.“ Mit einem Unterstand oder Sitzgruppen würde man die Störenfriede nur locken.

Anwohner des Spielplatzes am Sandweg berichten von Ruhestörung, Drogen- und Alkoholkonsum junger Leute, die sich dort treffen. Links im Bild Dirk Ruß (Stadtteilbüro Hassel.Westerholt.Bertlich).
Anwohner des Spielplatzes am Sandweg berichten von Ruhestörung, Drogen- und Alkoholkonsum junger Leute, die sich dort treffen. Links im Bild Dirk Ruß (Stadtteilbüro Hassel.Westerholt.Bertlich). © Carola Wagner © Carola Wagner

Die drastischsten Worte findet ein Ehepaar, das sich die Nennung seines Namens in der Zeitung verbittet. Es gäbe dort „Sexorgien“. Permanent fände man Partymüll und Exkremente. Spräche man die Verursacher an, hagele es Spott, Beschimpfungen, Bedrohungen.

Viele Besucher nutzen die Gelegenheit, ihre Meinung zu den Plänen mit grünen oder roten Punkten zu dokumentieren.
Viele Besucher nutzen die Gelegenheit, ihre Meinung zu den Plänen mit grünen oder roten Punkten zu dokumentieren. © Carola Wagner © Carola Wagner

Wortmeldungen aus der Zuhörerschaft – darunter viele Kommunalpolitiker – schwanken inhaltlich zwischen Verständnis für den Frust der Anlieger und der Erkenntnis, dass junge Leute Orte brauchen, an denen sie sich aufhalten können. „Jugendliche sind unsere Zukunft“, mahnt eine Besucherin. Das findet auch Helene (13), die sich mutig erhebt und unter Tränen beteuert, dass nicht alle Jugendlichen schlecht seien. „Es gibt kaum Plätze für uns. Wo sollen wir denn hin?“ Sie und ihre Altersgenossen wären froh, wenn auf dem Spielplatz ein Unterstand gebaut würde, wo man sich mal treffen könne. Der Dreizehnjährigen wird applaudiert und beigepflichtet – doch am Ende kleben viele rote Punkte auf dem Unterstand im Lageplan. Mit denen können die Besucher markieren, welche Installationen sie ablehnen. Grün steht für Zustimmung.

Oliver Kirch, Mitinitiator der Online-Petition, markiert den Unterstand mit einem roten Punkt.
Oliver Kirch, Mitinitiator der Online-Petition, markiert den Unterstand mit einem roten Punkt. © Carola Wagner © Carola Wagner

Es mangelt an sozialer Kontrolle

Letztlich setzt sich die Erkenntnis durch, dass das Hauptproblem der Örtlichkeit ein Mangel an sozialer Kontrolle sei. Der Ruf nach Streetworkern wird laut. Drei solcher Sozialarbeiter einzustellen, die Brennpunkte aufsuchen, hat die SPD im Rat der Stadt beantragt.

Eine, die diese „aufsuchende Arbeit“ leistet, ist Janina Welp. Sie ist im Rahmen des befristeten Bundes-Projekts „Jugend stärken im Quartier“ Ansprechpartnerin für junge Leute zwischen 12 und 26 Jahren. Ihre Visitenkarten wurden von den Anwohnern gern entgegengenommen. Ihr Weg dürfte sie künftig öfter mal zum Sandweg-Spielplatz führen.

Info: – Der weitläufige Spielplatz Sandweg existiert seit 2004. Er liegt direkt am Hasseler Mühlenbach. Durch Fördermittel im Rahmen der „Stadterneuerung Hassel.Westerholt.Bertlich“ stehen 200.000 Euro für den Umbau zur Verfügung.

– Das Gelände steht unter dem Motto „Wilde Wiese“. Passend dazu sollen die Spielgeräte bunt und mit Schmetterlingen, Käfern usw. gestaltet werden. Laut aktueller Planung bleiben die Seilbahn, die Klettergerüste und die Bäume erhalten. Die Größe des Spielplatzes bietet die Möglichkeit für zwei neue Spielanlagen für Groß und Klein.

– Für Jugendliche waren bislang ein Unterstand als Treffpunkt sowie eine „Workout-Station“ angedacht, u. a. mit verschiedenen Geräten und Anleitungen für entsprechende sportliche Übungen. Auch ein kleiner Rastplatz mit Tischen und Bänken war geplant. Hier sollten beispielsweise Radfahrer eine Pause einlegen können. Durch Durchgänge im umschließenden Grün sollte der Spielplatz mit dem angrenzenden Weg hinter der Bebauung verbunden werden.

– Als Resultat aus dem Info-Treffen am Mittwoch wird die Planung überarbeitet. Auf Durchgänge im Grün wird wohl verzichtet, ebenso auf den Unterstand für Jugendliche. Tische und Bänke werden an einer anderen Stelle – weit weg von der Wohnbebauung – installiert.

– Die Planung durch das Büro „Grünkonzept“ aus Coesfeld soll noch im Sommer 2021 abgeschlossen werden, anschließend wird der ZBH den Bau ausschreiben. Der Umbau soll dann im Frühjahr 2022 erfolgen.

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