Deutscher Lehrerpreis

Hohe Auszeichnung für ein starkes Team mit Kompetenz und Herzblut

Mit Ideenreichtum, Energie und Sachverstand gestalten Susanne Schäfer und Stephanie Lehmann das Leben und Lernen an der Grundschule Herten-Mitte. Ihr Prädikat: „Vorbildliche Schulleitung“.
Susanne Schäfer (51), Schulleiterin der Grundschule Herten-Mitte (links), und ihre Stellvertreterin Stephanie Lehmann (53) haben beim Deutschen Bildungspreis der Heraeus Bildungsstiftung im Bundesland Nordrhein-Westfalen den ersten Preis in der Kategorie "Vorbildliche Schulleitung" gewonnen. Hier sieht man sie in einem Klassenraum mit selbst erarbeitetem Material zum Erlernen des Alphabets. © Carola Wagner

Man kennt sie als selbstbewusstes Duo, das seine Ziele mit Leidenschaft und Willenskraft verfolgt: Susanne Schäfer (51) und Stephanie Lehmann (53) lenken seit gut zehn Jahren die Geschicke der Grundschule Herten-Mitte und haben dabei die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler ebenso wie jene der Eltern und ihrer pädagogischen Crew stets im Blick. Sie tun das so erfolgreich, dass es ihrem gesamten Team ein Bedürfnis war, auf eine besondere Art und Weise „Danke!“ zu sagen. Nämlich, indem sie die Beiden für den Deutschen Bildungspreis der Heraeus Bildungsstiftung vorschlugen. Ihre Argumente überzeugten die Jury: Susanne Schäfer und Stephanie Lehmann wurden jetzt mit dem ersten Preis in der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ im Bundesland Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet.

Bildungsgerechtigkeit für Kinder aus 28 Kulturen

Die Grundschule Herten-Mitte ist eine jener Bildungsstätten, an der viele gesellschaftliche Problemlagen zusammenlaufen. Kinder aus 28 verschiedenen Kulturkreisen sollen hier sprachliche und naturwissenschaftliche Grundlagen für den Besuch einer weiterführenden Schule erwerben, soziales Miteinander erlernen, sich kreativ und sportlich entfalten und vieles mehr. Etlichen Mädchen und Jungen mangelt es an Deutschkenntnissen, elterlicher Unterstützung, das Geld ist knapp und die Voraussetzungen für das, was heute unter dem Schlagwort „Bildungsgerechtigkeit“ hoch gehandelt wird, ungünstig.

Statt darüber zu jammern, sagt Schulleiterin Susanne Schäfer: „Unsere Schülerschaft spiegelt die Gesellschaft. Wir sehen die Unterschiedlichkeit als Bereicherung und fördern jedes Kind nach seinen individuellen Möglichkeiten.“ Ihre Stellvertreterin Stephanie Lehmann ergänzt, dass es keineswegs um Gleichmacherei gehe – ganz im Gegenteil. Den Kindern werde deutlich gemacht: „Alle sind unterschiedlich, und jeder ist toll, so wie er ist.“

Lernerfolge mit dem Zaubereinmaleins

Wo Kinder mit gänzlich unterschiedlichen Voraussetzungen in einer Klasse sitzen, das eine kaum bis zehn zählen, das andere schon bis tausend rechnen kann, läuft der Unterricht entsprechend individuell ab. Weil ihr die herkömmlichen Materialien dafür nicht geeignet erschienen, hat Susanne Schäfer unter dem Label „Zaubereinmaleins“ selbst ein Lernkonzept entwickelt (www.zaubereinmaleins.de). Es wird mittlerweile auch von vielen anderen Schulen genutzt und begeistert ebenso viele Eltern.

Niemand soll mit Bauchschmerzen zur Schule kommen

Noten gibt es in der Grundschule Herten-Mitte erst ab Klasse 4. Stattdessen erhalten die Kinder schriftliche Beurteilungen, die vor allem auch ihre Stärken beschreiben – als Motivation und um Freude am Lernen zu wecken. „Wir wollen den Kindern den Druck nehmen und halten Noten in diesem Alter und bei so unterschiedlichen Voraussetzungen für wenig aussagekräftig“, sagen sie. Ihre Vision von Schule sei ein Haus der offenen Tür, in dem jeder Gehör findet. „Keiner soll mit Bauchschmerzen zur Schule kommen. Viele Kinder sind bis 16 Uhr hier – da ist es oberstes Gebot, dass sie sich hier wohlfühlen.“

Man muss viel Gegenwind aushalten

Trotz ihres straffen Arbeitstags, der für Susanne Schäfer früh um 5.30 Uhr und für Stephanie Lehmann um 7 Uhr beginnt, leiten beide eine eigene Klasse, „um an der Basis zu bleiben“. Sie schätzen die Möglichkeit, als Schulleiterinnen gestalten zu können. „Man kann unheimlich viel bewegen“, sagt Susanne Schäfer. Dazu ist sie auch bereit, sich notfalls mit Behörden anzulegen. „Ich sage offen, was ich denke und bekomme oft Gegenwind. Aber das muss man aushalten.“

Im Kampf für die Rechte und das Wohlergehen der Kinder und des Kollegiums haben sie sich zum Beispiel erfolgreich dagegen gewehrt, in ein unfertiges Schulgebäude einzuziehen. „Es gab kein Wasser in den Toiletten und die Kabel hingen von den Decken, als wir Ostern 2016 hier einziehen sollten“, erinnert sich Stephanie Lehmann. Das gab zwar Ärger, doch die Zwei blieben standhaft: Der Umzug fand nach der Fertigstellung im Sommer 2016 statt.

Froh, dass die Arbeit endlich mal anerkannt wird

Schulsozialarbeiterin Anne Kuhn freut sich über den Erfolg der Bewerbung um den Leitungspreis, die das Team der Schule in Form einer umfangreichen Mappe erstellt hat. Ohne Wissen der Chefinnen, versteht sich. „Es war uns allen ein Bedürfnis“, sagt Kuhn. Denn bisweilen habe man das schale Gefühl, das Engagement des Duos werde von übergeordneten Institutionen nicht wertgeschätzt. „Wir sind froh, dass ihre Arbeit endlich mal Anerkennung findet. Die Beiden leben Schule“, beteuert Kuhn. Stets fänden Mitarbeiternde, Kinder und Eltern ein offenes Ohr und Unterstützung. Das habe sich gerade auch in der Corona-Pandemie gezeigt. „Auf die Herausforderungen des Lockdowns war unsere Schule bestens vorbereitet.“

Als sie Schäfer und Lehmann von der Bewerbung berichteten, seien Tränen der Rührung geflossen. Alle hätten es sich so schön vorgestellt, zur Preisverleihung mit Schirmherr Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nach Berlin zu fahren. „Das hätte eine tolle Feier gegeben, doch daraus wird wegen Corona leider nichts.“ Am Ende zähle, dass der Preis nach Herten gegangen sei. „Wohlverdient“, wie die Sozialarbeiterin erklärt. „Wir freuen uns alle riesig.“

Schülerzitate aus der Bewerbungsmappe um den Deutschen Lehrerpreis:

Ein Schüler aus Klasse 3: „ Frau Lehmann ist eine richtig coole Lehrerin. Sie ist witzig aber auch lieb streng. Aber sie ist die Beste.“

Eine Schülerin aus Klasse 1: „Wir machen bei Frau Schäfer schöne Sachen, der Märchenmontag zum Beispiel. Frau Schäfer ist toll.“

Eine Schulleiterkollegin: „Ist das eine tolle Schule! Schule mit Herz, das merkt man sofort, wenn man reinkommt. Und sogar auf dem stillen Örtchen fühlt man sich wohl. Es ist alles mit so viel Liebe hergerichtet.“

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