Hohe Corona-Inzidenz

Informationen statt Impf-Teams in Herten

Soziale und ethnisch-kulturelle Aspekte spielen beim Infektionsgeschehen eine Rolle, bestätigt Bürgermeister Matthias Müller. Er will die Kommunikation verstärken.
Aufklärung per Müllwagen: Impfen und Testen war noch kein Thema, als im Dezember 2020 mehrere ZBH-Fahrzeuge mit Corona-Hinweisen beklebt wurden. Abstand, Händewaschen und Maske waren das Gebot der Stunde, für das hier Bürgermeister Matthias Müller (2. v. r.), ZBH-Betriebsleiter Thorsten Westerheide (r.), Personalratsvorsitzender Gordon Dzikowski (l.) und ZBH-Mitarbeiter Holger Stier warben.
Aufklärung per Müllwagen: Impfen und Testen war noch kein Thema, als im Dezember 2020 mehrere ZBH-Fahrzeuge mit Corona-Hinweisen beklebt wurden. Abstand, Händewaschen und Maske waren das Gebot der Stunde, für das hier Bürgermeister Matthias Müller (2. v. r.), ZBH-Betriebsleiter Thorsten Westerheide (r.), Personalratsvorsitzender Gordon Dzikowski (l.) und ZBH-Mitarbeiter Holger Stier warben. © Stadt Herten

Lange hat sich die Stadtverwaltung auf den Standpunkt zurückgezogen, die anhaltend hohe Corona-Inzidenz in Herten – gestern 103,5 – sei nicht auf einzelne Hotspots zurückzuführen, sondern auf ein „diffuses Infektionsgeschehen“. Ganz so diffus ist es dann aber doch nicht, wie Bürgermeister Matthias Müller gestern nach der Sitzung des Krisenstabs im Gespräch mit unserer Zeitung einräumte. Der von der HA unternommene Erklärungsansatz, dass bestimmte soziale Indikatoren und auch ethnisch-kulturelle Aspekte das Infektionsgeschehen beeinflussen, sei durchaus zutreffend.

Nicht pauschal auf „Migrationshintergrund“ verweisen

Besonderen Wert legt Müller auf die Feststellung, dass Bevölkerungsgruppen, in denen sich das Coronavirus überdurchschnittlich stark verbreitet, keinesfalls pauschal mit dem Etikett „Migrationshintergrund“ versehen werden könnten. Diese Einordnung werde der Situation nicht gerecht, man müsse stattdessen viel präziser hinschauen: auf Wohnsituation, Bildungsstand, berufliche Situation, auf die Nutzung von Kommunikationsmitteln und darauf, ob die öffentlich zur Verfügung gestellten Informationen denn auch tatsächlich von den Menschen verstanden werden (können).

Ein weiterer Aspekt: Herten sei mit 27 Corona-Teststellen im Vergleich zu anderen Städten im Kreis RE „sehr gut ausgestattet“, so Müller. Aber ob auch alle Bevölkerungsgruppen diese Angebote kennen und nutzen, sei schwer zu sagen.

Müller: „Da Herten kein eigenes Gesundheitsamt hat, sind wir auf die Zahlen der Kreisverwaltung angewiesen, und die sind oft nicht so detailliert, wie wir uns das wünschen würden.“ So könne er zum Beispiel keine Impfquote für Herten nennen. Kreisweit sind es 42,8 Prozent (mindestens erste Impfdosis).

Geringer Wohnraum, enge Familienstrukturen

Was das Infektionsgeschehen betrifft, wird Müller dann aber doch etwas konkreter. Zum Beispiel in Teilen von Herten-Mitte und Westerholt, wo die Bevölkerung „sehr heterogen“ sei, häufig auf geringem Wohnraum lebe, wo enge Familienstrukturen bestehen und wo es zu „vielen Begegnungen“ komme, dort sei die Corona-Ausbreitung begünstigt. Keine Infektionstreiber seien dagegen, so die Einschätzung des Ordnungsamtes, die Einkaufszentren in den Stadtteilen, Kitas und Schulen, die Kirchen und Moscheen sowie öffentliche Grünanlagen wie Halden, Schlosspark, Backumer Tal.

Kreis sieht keinen akuten Handlungsbedarf

Weder er selbst, so Müller, noch der Kreis Recklinghausen als die für Corona-Maßnahmen verantwortliche Behörde bewerten die Zahlen in Herten als so gravierend, dass akut gehandelt werden müsse. Dass wie in Köln-Chorweiler (Inzidenz zeitweise über 500), Duisburg-Marxloh oder anderen Brennpunkten mobile Impf-Teams anrücken, dafür sehe die Kreisverwaltung keine Veranlassung. Abgesehen davon, so Müller, sei der Impfstoff aktuell derartig knapp, dass dies auch nicht umsetzbar sei.

Was kann stattdessen getan werden? Konkrete Maßnahmen hat der Krisenstab gestern nicht vereinbart. Das nächste Treffen sei am Freitag, bis dahin wolle man die Entwicklung genau beobachten.

Müller: „Vorurteile abbauen und Vertrauen schaffen.“

Zusätzliche Kontrollen durch das Ordnungsamt seien nicht möglich, so Müller. Die personellen Kapazitäten seien ausgeschöpft. Mittelfristig will er sich vielmehr auf das Thema Kommunikation konzentrieren: „Wenn im Juni die Impf-Priorisierung aufgehoben wird, müssen wir die Information verstärken – mehrsprachig natürlich, damit alle Menschen das erfahren.“ Die Stadt wolle Vereine und Migranten-Initiativen ansprechen und als Multiplikatoren nutzen. Matthias Müller: „Wir müssen Sachinformationen verbreiten, Vorurteile abbauen und Vertrauen schaffen.“

Der Krisenstab der Stadt Herten – eigentlich heißt er „Stab für außergewöhnliche Ereignisse“ (SAE) – kommt in der Pandemie mindestens ein Mal pro Woche zusammen, aktuell auch bis zu drei Mal. Er tagt nichtöffentlich.Mitglieder sind u.a. der Verwaltungsvorstand (Bürgermeister, drei Beigeordnete) sowie Vertreter von Hauptamt, Ordnungsamt, Schulamt, Feuerwehr, Zentraler Betriebshof, Immobilienbetrieb, Hertener Stadtwerke, Personalrat, Pressestelle, Gleichstellungsbeauftragte. Es wird erwogen, künftig je nach Anlass auch einen Vertreter der Hertener Ärzte-Netzes einzuladen.

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