Bürgerstiftung

Pächter der Gastronomie am Wesselshofs schmeißen das Handtuch

Ob Kleinkunst oder Blueskonzert, Hochzeitsfeier oder Geburtstagsparty: Speziell für Events ist die Gastronomie des Wesselshofs beliebt. Damit ist bald Schluss – nicht etwa wegen Corona.
Die Wirtsleute Vivian und Stefan Promnik nutzen die Zeit des Lockdowns, in denen ihre Gaststätte "ScherlebeBeck's im Haus Berger" geschlossen bleibt, um zu renovieren und die Sitzgelegenheiten neu zu polstern und zu beziehen. © Carola Wagner

In Zeiten der Corona-Pandemie verwundert es nicht, wenn Gastronomen das sprichwörtliche Handtuch schmeißen. Die langfristigen Einschränkungen des Betriebs und monatelange Schließungen im Lockdown haben viele Betriebe in Existenznöte gebracht. Auch Vivian und Stefan Promnik, Betreiber des Lokals im Hof Wessels der Hertener Bürgerstiftung und des „ScherleBeck‘s im Haus Berger“, verbuchen herbe Einnahmeverluste. Zum 30. September hat das Ehepaar den Vertrag mit der Bürgerstiftung gekündigt. „Aber das hat mit Corona nichts zu tun“, sagen sie.

Kündigung ist ein Schlag für die Bürgerstiftung

„Das ist ein Schlag für uns“, sagt Jutta Haug. Dass sie die Kündigung der Promniks bekam und die Gaststätte des Hofs somit ab Herbst wieder leer steht, lässt die Vorsitzende der Hertener Bürgerstiftung ratlos zurück. Denn Jutta Haug weiß: „Die Gastronomie des Hofs zu betreiben ist schwierig. Wer davon leben will, der hat es nicht leicht.“ Es gebe einfach zu wenig Laufkundschaft. Die von der Eröffnung des anliegenden Radwegs „Allee des Wandels“ erhoffte Belebung sei nicht so durchschlagend gewesen wie erwartet. Gesellschaften und Veranstaltungen mit Publikum – von der Ausstellung bis zum Liederabend – habe es hingegen zahlreiche gegeben.

DER HOF WESSELS DER BÜRGERSTIFTUNG

Kinder- und Jugendarbeit sind die zentrale Themen auf dem Hof Wessels. Er wurde von der 1999 gegründeten Hertener Bürgerstiftung als Ruine erworben und mit Fördergeldern auf- und ausgebaut. Die Leitung des Hofs, der zunächst ehrenamtlich geführt wurde, obliegt heute Karina Spohr, die lange Jahre für den Kinder- und Jugendbereich zuständig war und ist.

– Der Wesselshof ist ein Lern- und Erlebnisort für Kinder, die hier Naturerfahrungen sammeln können. Ob bei den Ferienfreizeiten oder Angeboten für Kindergärten und Schulen – junge Menschen lernen hier viel über Ökologie, Ernährung und eine umweltschonende Lebensweise.

– In den Maßnahmen für Jugendliche werden junge Leute, die im Bildungssystem mehrfach gescheitert sind, an einen Arbeitsalltag herangeführt. Das Erleben und Trainieren von geordneten Strukturen, die Entwicklung von Konzentration und Ausdauer sowie das Einordnen in Sozial- und Teamstrukturen stehen im Mittelpunkt.

– 2015 ging die gemeinnützige Gesellschaft in die Insolvenz. Der Jugendwerk- und Bauernhof wurde damals neu aufgestellt.

– Die Gastronomie pachteten im Februar 2016 die Eheleute Stefan und Vivian Promnik. In einem zweiten Schritt war geplant, dass sie auch den Hofladen nach dessen Herrichtung betreiben. Zum 30. September 2021 haben sie nun gekündigt.

Jahrelang hatte die Bürgerstiftung das Restaurant selbst betrieben und dort Qualifizierungsmaßnahmen für junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen angeboten. Es gelang jedoch nicht, den Betrieb wirtschaftlich zu leiten. Ende 2015 ging die Betreibergesellschaft in die Insolvenz, Gastronomie und Hofladen wurden geschlossen. Als dann die neuen Pächter Vivian und Stefan Promnik im Februar 2016 als Betreiber des Lokals an den Start gingen, waren alle froh, erfahrene Gastronomen gefunden zu haben. Denn seit 2012 betreiben die Eheleute bereits erfolgreich das einstige „Haus Berger“ an der Scherlebecker Straße, das sie in „ScherleBeck‘s im Haus Berger“ umgetauft hatten.

Das Konzert der Band „Threepwood’n’Strings“ im Biergarten des Hof Wessels. Mit der Veranstaltungsreihe „REset Open Air“ organisierten die Eheleute Promnik vergangenes Jahr Aufführungen aller Art, die unter Corona-Bedingungen auf einer Bühne im Freien stattfanden. © Reyyan Altun © Reyyan Altun

Gleich zu Beginn stellte Stefan Promnik damals allerdings klar, dass an Qualifizierungsmaßnahmen in der Gaststätte nicht mehr zu denken sei. „Wir müssen den Betrieb professionell und wirtschaftlich führen“, sagte der neue Wirt. Dafür wolle man alles tun – nicht zuletzt, um der Bürgerstiftung regelmäßig ihre Pacht zahlen zu können. Gleichwohl identifiziere man sich mit den Zielen des Hofes und wolle dessen Philosophie aufgreifen und nur frische regionale Zutaten auf den Tisch bringen.

Konflikte wegen Veranstaltungen im Außenbereich

Lange Zeit sah es so aus, als sei trotz der nun wirtschaftlichen Ausrichtung der Gastronomie eine friedliche und sogar fruchtbare Koexistenz mit dem pädagogischen Arbeitsbereich des Jugendwerk- und Bauernhofs möglich. Doch genau dies sei zunehmend nicht der Fall gewesen, erzählt Vivian Promnik im Gespräch mit der Hertener Allgemeinen. Sie berichtet von wiederkehrenden Konflikten, die sich zuletzt vor allem um die Konzertveranstaltungen im Außenbereich entzündet hätten. „REset Open Air“ hieß die Veranstaltungsreihe, die vergangenes Jahr auf dem Wesselshof unter Corona-Bedingungen auf einer Bühne im Freien stattfand.

Klagen über Zigarettenstummel und Glasscherben

„Wir hatten uns hingesetzt, die Zahlen geprüft und ein Konzept erarbeitet“, erzählt Vivian Promnik. Das Restaurant sei höchstens am Wochenende gut gelaufen, also sollten wochentags Veranstaltungen für Umsatz sorgen: der Poetry Pub, Cartoons im Pott, die Blues-Sessions … Die Resonanz war wunschgemäß, Künstler und Publikum zufrieden, und es kam selbst unter Corona-Bedingungen Geld in die Kasse. Nur die Hofleitung sei nicht einverstanden gewesen, habe nach den abendlichen Events mal über weggeworfene Zigarettenstummel, mal über Glasscherben im Gras geklagt.

„Schließlich hieß es, dass das Außengelände von uns auf gar keinen Fall mehr für Veranstaltungen genutzt werden darf“, berichtet Stefan Promnik, kritisiert mangelnde Zusammenarbeit auch in anderen Punkten und betont: „So funktioniert das nicht. Man kann nicht alles nur in Richtung Kinder- und Jugendarbeit denken, man muss auch die Belange der Gastronomie berücksichtigen, wenn man sie dort haben will.“

Hofleiterin Karina Spohr will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Die bunte Glasscheibe am Ende des großen Saals und der Anbau dahinter werden abgerissen. Dann entsteht ein neuer, verglaster Sitzbereich mit Freiluft-Feeling. © Carola Wagner © Carola Wagner

Die Wirtsleute betonen, dass sie das Lokal am Wesselshof bewusst bis zum Herbst weiterführen, um alle angemeldeten Feiern und Gesellschaften dort noch durchführen zu können – sofern die Pandemie-Regelungen es denn zulassen. Im Übrigen stecken sie nun all ihre Energie in den Umbau und die Renovierung des „ScherleBeck‘s“. Der große Saal dort hat sich während des Lockdowns in eine Werkstatt verwandelt, in der das Paar eigenhändig Stühle und Bänke neu polstert und bezieht. Die bunte Glasfront am Ende des Raums und der Anbau dahinter werden abgerissen. Dort entsteht ein neuer, verglaster Sitzbereich mit Freiluft-Feeling. In den Innenräumen werden zusätzlich Luftfilter installiert.

Stefan Promnik, Wirt der Gaststätte „ScherleBeck’s im Haus Berger“, präsentiert die neuen Lüftungsgeräte, die in den Gasträumen installiert werden. © Carola Wagner © Carola Wagner

Bei den Umbauten geht es auch darum, die räumlichen Kapazitäten so zu erweitern, dass einige der Veranstaltungen, die bisher auf dem Wesselshof stattfanden, ins „ScherleBeck‘s“ umziehen können. „Zum Beispiel die Cartoons im Pott. Mit den Blues-Sessions wird es hier wohl nicht klappen“, sagt Stefan Promnik. Deren Veranstalter reagierten mehr als enttäuscht über die Entwicklung, seien sie doch froh gewesen, nach dem Aus im Parkhaus Katzenbusch auf dem Hof Wessels eine neue Bleibe gefunden zu haben.

„Da muss jemand rein, der was von dem Geschäft versteht“

Wie es mit der Gaststätte auf dem Hof der Bürgerstiftung weitergeht, steht in den Sternen. Jutta Haug sagt: „Derzeit kann man eh nichts machen. Wir lassen es erst mal sacken.“ Nach Pfingsten soll der Stiftungsrat zu dem Thema tagen und „schauen, was überhaupt möglich ist.“ Falls jemand auf die Idee kommen sollte, die Gastronomie wieder selbst zu betreiben, wird Jutta Haug ein Veto einlegen. „Das geht auf keinen Fall. Da muss jemand rein, der was von dem Geschäft versteht.“

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