Corona-Pandemie

Sind die Hertenerinnen und Hertener auch „impfmüde“?

Allenthalben liest und hört man von der sogenannten „Impfmüdigkeit“. Sind die Hertenerinnen und Hertener auch impfmüde? Was sagen die Ärzte dazu? Wir haben nachgefragt.
Nicht alle wollen den Pieks. Sind die Hertenerinnen und Hertener auch impfmüde? (Symbolbild) © dpa

„Impfmüde ist das falsche Wort“, findet Dr. Jürgen Philipp. Die meisten Menschen hätten sich ja bereits impfen lassen. Die Quote der Erstgeimpften im Kreis Recklinghausen liegt mittlerweile bei über 60 Prozent (Stand Dienstag, 3. August: einmal geimpft sind 65,2 Prozent, vollständig geimpft sind 54,2 Prozent). Bei denen, die noch ungeimpft seien, müsse man differenzieren, sagt der Arzt: „Von denen, die nicht geimpft sind, ist die eine Hälfte absolut ablehnend. Die andere Hälfte ist abwartend oder noch erreichbar.“

Die Skepsis hat unterschiedliche Gründe, so die Erfahrung des Allgemeinmediziners. Manche Menschen ließen sich nicht impfen, weil sie falsche Informationen hätten – etwa, dass die Impfung unfruchtbar mache. Das Argument, dass man mit der Impfung auch etwas für die Allgemeinheit tue, ziehe bei manchen auch nicht. Und dann gebe es noch einen Teil, der sich nicht um einen Termin kümmere. Dr. Philipp glaubt, dass eine Impfquote von mehr als 80 Prozent nur zu erreichen wäre, wenn es Einschränkungen für Nicht-Geimpfte gibt. Einschätzungen von Experten zufolge müssten für eine Herdenimmunität mindestens 85 Prozent aller Deutschen geimpft sein (Stand 3. August: 52,3 Prozent sind vollständig geimpft).

Die Nachfrage bei jungen Menschen steigt

In Dr. Philipps Praxis in Herten-Mitte verzeichnen sie nur geringe Ausfallquoten bei den Impfterminen. Mittlerweile gebe es auch so viel Impfstoff, dass die Spritzen mit wenig Vorlaufzeit gesetzt werden könnten. Die Nachfrage nach AstraZeneca sei sehr niedrig – verimpft werde fast nur noch BioNTech.

Apropos Nachfrage: Die der jungen Menschen steige, berichtet der Mediziner. Vermehrt melden sich 12- bis 16-Jährige, die die Impfung wollen. Neben der Angst vor der Quarantäne hätten sie auch den Wunsch, wieder uneingeschränkter ins Restaurant oder ins Kino gehen zu können. Dr. Philipp impft aber erst nach einem persönlichen Aufklärungsgespräch mit Kind und Eltern und nur nach deren Einwilligung. Auch Dr. Christiane Hahne sieht ein wachsendes Interesse an der Impfung bei jungen Menschen: „Sie möchten sich wieder unbeschwert mit ihren Freunden treffen. Und in den Distanzunterricht möchten sie auch nicht mehr.“ Geimpfte Kinder und Jugendliche trügen einen Teil zur Herdenimmunität bei.

Impfstoff droht zu Verfallen

Den viel größeren Anteil daran haben aber die Erwachsenen – und bei einem Teil von denen kann Dr. Hahne durchaus eine Impfmüdigkeit feststellen. „Wir werden wohl das erste Mal Impfstoff entsorgen müssen“, berichtet die Allgemeinmedizinerin. Und, mit Nachdruck: „Das ärgert mich maßlos.“ Impfstoff sei übrig, weil sich manche, die ihre Zweitimpfung in ihrer Westerholter Praxis hätten bekommen sollen, in der Zwischenzeit woanders haben impfen lassen – und nicht jeder sage dann ab. Manche täten das, aber manchmal auch zu spät. Dr. Hahne hat sogar über eine Online-Börse gemeldet, dass sie Impfstoff übrig hat. „Darauf haben sich gerade einmal zwei gemeldet.“ Auch im sozialen Netzwerk „Facebook“ informierte sie über die verfügbaren BioNTech-Vakzine. Bei sechs Fläschchen läuft das Verfallsdatum Ende der Woche ab, wenn sich nicht noch genug Impfwillige melden, müssen sie weggeschmissen werden. Dass ihre Praxis nicht die erste sei, der so etwas passiere, mache die Sache auch nicht besser.

Die Westerholter Ärztin macht ähnliche Erfahrungen wie ihr Kollege in Herten-Mitte: „Die, die sich impfen lassen wollten, die haben sich impfen lassen. Die Kunst ist jetzt, die Leute zu erreichen, die unentschlossen sind.“ Manche seien fehlinformiert, das erlebt auch Dr. Hahne. „Ich glaube, dass man diese Menschen mit sachlicher Information erreichen kann.“

Der Abend in Herten

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt