Ende der Impf-Priorisierung

Telefone im Dauerbetrieb: Terminnot und Frust in Hertener Praxen

Die Priorisierung fällt: Auch in Herten kann sich nun jeder gegen Corona impfen lassen. Was in der Theorie gut klingt, sorgt in der Praxis – bzw. den Praxen – für Frust auf beiden Seiten.
Ein Mann erhält in einer Arztpraxis eine Corona-Impfung mit AstraZeneca. Der Vektorimpfstoff wird dort noch für die Zweitimpfungen genutzt, während in den NRW-Impfzentren bei Menschen unter 60 Jahren vorerst nur noch mRNA-Präparate verimpft werden sollen. © dpa (Archiv)

Montagmorgen, 8 Uhr, in der Praxis von Dr. Klaus Hillebrand an der Kaiserstraße: Kaum haben die Mitarbeiterinnen am Empfang ihre Plätze eingenommen, erwartet sie ein Dauergeräusch, das den ganzen Tag über nicht weggehen wird: die Telefone klingeln. Denn in Herten, wie in ganz Deutschland, ist an diesem 7. Juni die Impf-Priorisierung in der Corona-Pandemie beendet worden – und das sorgt an beiden Enden der Leitung für viel Stress und Frust.

Der Vorsitzende des Hertener Praxisnetzes bedauert einerseits die Beschäftigten, die sich teilweise sogar Beschimpfungen ausgesetzt sehen, wenn sie wieder einen lang gehegten Impfwunsch nicht erfüllt können. Andererseits hat er natürlich auch Verständnis für Patienten, die seit Wochen verzweifelt um eine Erstimpfung kämpfen. Und darunter seien auch „immer noch viele Risikopatienten aus allen Altersgruppen“.

Risikopatienten konkurrieren mit der breiten Masse

Jetzt müssen diese teilweise schwerkranken Menschen bei der Terminvergabe nicht nur mit der Gruppe der Erstgeimpften konkurrieren, für die in jedem Fall Impfstoff für die zweite Dosis reserviert wird, sondern eben auch mit der breiten Masse – eben der riesigen Bevölkerungsgruppe, die von der Ständigen Impfkommission (STIKO) ursprünglich keine Impf-Priorisierung bekommen hat.

Dass sich nun auch über 12-Jährige um eine Impfung bemühen können, mache die Sache nach Ansicht von Hillebrand nicht besser. „Es ist nicht für jedes Kind sinnvoll, sich jetzt immunisieren zu lassen. Die STIKO-Empfehlung bezieht sich daher bisher auch für diese Gruppe nur auf Risikopatienten“, meint der Arzt für Innere Medizin, der wie seine Kollegen seit Monaten nur den Mangel verwalten kann.

Johnson & Johnson sowie AstraZeneca werden knapp

„Uns sind die Hände gebunden. Wir können nur so viele Termine machen, wie auch Impfstoff in unseren Praxen vorhanden ist, und das ist einfach immer noch zu wenig.“ Nächste Woche werde sich die Situation wohl sogar noch weiter zuspitzen. „Ich habe die Mitteilung bekommen, dass etwas weniger geliefert wird als in der vergangenen Woche. Und dabei handelt es sich hauptsächlich um Mengen für Zweitimpfungen.“ In der vergangenen Woche sei man mit dem Einmal-Vektorimpfstoff von Johnson & Johnson sowie Astra Zeneca noch halbwegs über die Runden gekommen. „Die werden jetzt aber auch um rund die Hälfte reduziert.“

Wie man den Worten des Praxisnetz-Vorsitzenden entnehmen kann, ist die Situation in Arztpraxen also extrem angespannt. Sie könnte aber noch weitaus schlimmer sein. „Glücklicherweise konnten wir die Patientenanfragen teilweise auf den Online-Impfpool verlagern. Dort gab es alleine an diesem Montag für Herten rund 3500 Anmeldungen.“

Keine Termine mehr für Erstimpfungen im Impfzentrum

Absolut aussichtslos sei eine Terminvereinbarung für unversorgte Bürgerinnen und Bürger dagegen in den Impfzentren wie dem des Kreises RE am Konrad-Adenauer-Platz in Recklinghausen. „Hier sind schon seit Ostern kaum noch Erstimpfungen möglich. Sie können dafür keine Termine mehr machen, weil alles für die Zweitimpfungen freigehalten werden muss“, bedauert Hillebrand.

Aber auch Erstgeimpfte müssen bei ihrem bereits vereinbarten Folgetermin im Impfzentrum unter Umständen mit einer unangenehmen Überraschung rechnen.

Denn das NRW-Gesundheitsministerium hat angekündigt, dass für Zweitimpfungen von Personen unter 60 Jahren, die bei ihrer ersten Impfung Astra Zeneca erhalten haben, in Impfzentren und bei mobilen Impfteams ausschließlich ein mRNA-Impfstoff (Biontech bzw. Moderna) zu verwenden ist.

Auswahl bei Zweitimpfung nicht mehr möglich

Eine Auswahlmöglichkeit bei den Covid-19-Impfstoffen zwischen mRNA- und Vektorbasierten Präparaten – bisher laut entsprechendem Patientenwunsch möglich – gibt es somit nicht mehr.

Zumindest die Menschen, die in den Hertener Arztpraxen eine Erstimpfung erhalten haben, kann Dr. Klaus Hillebrand – aktuell noch – beruhigen. „Wer bei uns Astra Zeneca bekommen hat, für den würden wir diesen Impfstoff natürlich auch beim zweiten Termin bestellen – und wahrscheinlich auch kriegen.“ Wie die Lage diesbezüglich in ein paar Wochen aussehen wird, kann er jedoch nicht voraussagen.

Kritik an der Impfpolitik der Bundesregierung

Eines dürfte aber bereits sicher sein: Auch dann werden die Telefone in seiner Praxis immer noch nicht still stehen. An der misslichen Gesamtsituation in der Corona-Pandemie lasse sich so schnell nichts ändern. „Denn auf Regierungsebene ist der Fehler gemacht worden, dass man von Anfang an nicht größere Impfstoffmengen bestellt hat.“

Lesen Sie jetzt