9-Euro-Ticket

Jan Große-Geldermann: Nicht der Preis, das Fahrplan-Angebot muss überzeugen

91.400 verbilligte 9-Euro-Tickets hat die Vestische im Juni verkauft. Die Frage ist, wie viele Neukunden dem öffentlichen Nahverkehr erhalten bleiben. Nicht jedermanns Erwartung hat sich erfüllt.
Jan Große-Geldermann, Sprecher der Vestischen, hofft, dass viele Neukunden, dem öffentlichen Nahverkehr treu bleiben. © Vestische

Rund 91.400 verbilligte 9-Euro-Tickets hat die Vestische Straßenbahnen GmbH im Juni verkauft. Einer der Käufer ist Clemens Grabien (54) aus Dorsten. Er bezeichnet sich selbst als Neukunde, wollte für seinen Weg zum Arbeitsplatz in Marl den öffentlichen Nahverkehr testen. So ganz zufrieden ist er nicht. Mit zwei notwendigen Umstiegen an den zentralen Busbahnhöfen in Dorsten und Marl ist er mehr als eine Stunde unterwegs. Mit dem Auto schafft er den Weg zum Arbeitsplatz in knapp 20 Minuten. „Ob ich mir auch für Juli ein 9-Euro-Ticket zulege, muss ich mir noch überlegen“, sagt der Skeptiker.

So wie Grabien geht es wahrscheinlich etlichen Neukunden des öffentlichen Nahverkehrs, die den Verlockungen des subventionierten Fahrscheins erlegen sind und nun vielleicht feststellen müssen, dass der Wert für sie doch eher begrenzt ist. Es gibt im Vest sicherlich sehr gute Verbindungen auf stark frequentierten (Schnellbus-)Linien, auf denen Pendler schnell von A nach B kommen. Doch in vielen, vor allem ländlichen Bereichen des Kreises Recklinghausen sind Bus und Bahn keine wirkliche Alternative zum eigenen Auto.

Geplant sind Millionen-Ausgaben in Infrastruktur und Netzausbau

Das ist auch den Verantwortlichen der Vestischen klar. „Der Preis allein wird die Menschen nicht überzeugen, dauerhaft auf den öffentlichen Nahverkehr umzusteigen“, gibt Pressesprecher Jan Große-Geldermann die Einschätzung seines Hauses wieder. Zunächst einmal müsse das Fahrplan-Angebot verbessert werden.

Die Vestische ist, mit Rückendeckung des kommunalen Gesellschafters Kreis Recklinghausen, an dem Thema dran. Geplant sind Millionen-Ausgaben in Infrastruktur und Netzausbau. Die neuen Expressbus-Linien („XBusse“), die am 12. Juni in Betrieb gegangen sind, sind erste sichtbare Boten der „Verkehrswende“. Weitere Pläne sollen in diesem Sommer konkretisiert werden.

Wie nachhaltig ist das 9-Euro-Ticket?

Bis zu 60 Millionen Fahrgäste – diese Zahl stammt aus der Zeit vor Corona – nutzen die Busse der Vestischen jährlich. 55.000 Kunden verfügen über ein Monatsabonnement. Das Nahverkehrsunternehmen, das 125 Linien im Kreis Recklinghausen sowie in Bottrop und Gelsenkirchen betreibt, hofft, dass das 9-Euro-Ticket nun auch Gelegenheitsfahrgäste auf den Geschmack bringt. „Wir freuen uns über jeden neuen Kunden“, sagt Jan Große-Geldermann. Aber wie nachhaltig das für drei Monate verbilligte Ticket ist, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschätzen, so der Vestische-Sprecher. Auch sei nicht auszuschließen, dass im September, wenn die normalen Preise gelten, so mancher Kunde wieder abgeschreckt werde.

Anders als in den Linienbussen der Vestischen gibt es in den Regionalzügen der Bahn dichtes Gedränge. Viele Menschen nutzen das 9-Euro-Ticket für längere und kürzere Ausflüge. © picture alliance/dpa

Zu Pfingsten mussten Fahrgäste auf den nächsten Bus warten

Trotz der mehr als 91.000 verkauften 9-Euro-Tickets blieb es in den Linienbussen der Vestischen im Juni relativ entspannt. Lediglich am Pfingstwochenende kam es auf einigen Linien zu Gedränge. „Da mussten Fahrgäste zu Spitzenzeiten auch schon mal auf den nächsten Bus warten“, berichtet Große-Geldermann. Am langen Wochenende zu Fronleichnam habe es jedoch keine Probleme gegeben. Anders als im regionalen Zugverkehr, wo die Abteile und Gänge teilweise völlig überfüllt sind, wie die Bahnunternehmen berichten.

Angesichts der Sommerferien, in denen viele Familien im Urlaub sind und der Schülerverkehr sowieso ausfällt, rechnet die Vestische zumindest in ihren Bussen weiterhin mit einer gelassenen Atmosphäre.

Daten und Fakten zum 9-Euro-Ticket

  • Das 9-Euro-Ticket wird vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 angeboten. Es handelt sich um eine Monatskarte, die jeweils bis zum Monatsende gültig ist – unabhängig davon, zu welchem Zeitpunkt das Ticket gekauft worden ist.
  • Mit dem subventionierten Ticket können Fahrgäste rund um die Uhr den gesamten Nahverkehr in ganz Deutschland nutzen: Busse, Straßenbahnen, Stadt- und U-Bahnen sowie S-Bahnen, Regionalbahnen und Regionalexpresse in der 2. Klasse. Der Fernverkehr (ICE, IC, EC) und private Anbieter wie zum Beispiel FlixTrain sind von der Aktion ausgeschlossen.
  • Das 9-Euro-Ticket ist bei der Vestischen digital erhältlich (über die Vestische App und im OnlineTicketShop unter www.vestische.de). Außerdem kann es in den Bussen beim Fahrpersonal, in den Kunden-Centern sowie den privaten Vertriebsstellen erworben werden.

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