Klimawandel

Milliarden für Wasserstoff-Projekte – so könnte auch der Kreis Recklinghausen profitieren

Der Bund und das Land schütten Milliarden-Zuschüsse für Wasserstoff-Projekte aus - auch im Kreis Recklinghausen wird eines der Projekte umgesetzt.
An der Marie-Curie-Straße auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Ewald wird eine Wasserstoff-Tankstelle errichtet. Solche Bilder wünscht man sich für die Zukunft öfter im Kreis Recklinghausen. © Daniel Maiß

Das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesverkehrsministerium haben 62 Wasserstoff-Großprojekte ausgewählt, die im Rahmen eines gemeinsamen europäischen Wasserstoffprojekts (der sogenannten Wasserstoff-IPCEI – Important Projects of Common European Interest) staatlich gefördert werden sollen. Acht Milliarden Euro gibt es dafür.

Gefördert werden soll auch eine Wasserstoff-Pipeline von Lingen nach Marl und Gelsenkirchen – und damit ist auch schon das wichtigste Projekt erwähnt, das im Kreis Recklinghausen liegt. Die Vorreiterrolle, die sich das Vest auf die Wasserstoff-Fahnen geschrieben hat, verlangt nach mehr. Wie kann das Vest weiter profitieren? Wie sieht die Zukunftsstrategie beim Thema Wasserstoff neben dem Projekt „HyExperts Region Emscher-Lippe“ aus, in dem gemeinsam durch die Städte Bottrop und Gelsenkirchen sowie den federführenden Kreis Recklinghausen bis Sommer 2021 ein regionales Umsetzungskonzept erarbeitet werden soll?

Für Dr. Uta Willim, Leiterin des Fachdienstes Wirtschaft beim Kreis, muss das Thema unabhängig von Fördermittelzusagen längerfristig strukturiert werden: „Wir sind im Kreis Recklinghausen gemeinsam mit der Emscher-Lippe-Region auf dem Weg, Wasserstoffregion Emscher-Lippe zu sein. Aktuell setzen wir das vom Bundesverkehrsministerium geförderte Projekt „HyExperts Emscher-Lippe-Region“ um und erarbeiten eine Umsetzungsstudie „Wasserstoffmobilitätsregion Emscher-Lippe“.

Dabei werde ein umfassendes Gesamtkonzept zur Wasserstoffmobilität entwickelt. Neben Klimaschutz soll das Ziel der regionalen Wertschöpfung entlang der gesamten Wertschöpfungskette verfolgt werden. In einem nächsten Schritt soll das Konzept dann auch in die Umsetzung gehen. Dabei setzt der Kreis auf weitere Fördermittel, die man zum Ende des Jahres bzw. Anfang nächsten Jahres abschöpfen möchte, wenn diese denn zur Verfügung stehen sollten.

Kreis soll direkt vom Großprojekt profitieren

Und wie profitiert der Kreis direkt von dem neuen Großprojekt? Auch da zeigt sich Willim offensiv: „Der Kreis bzw. die Region profitiert durch den direkten Anschluss an eine klimaneutrale Energie in vielfältiger Weise. Arbeitsplätze im Chemie- und Energiesektor werden zukunftssicher; neue Arbeitsplätze in der Zuliefererindustrie und im Handwerk können entstehen. Know-how wird auf- und ausgebaut.“

Zudem habe man eine Wasserstoffstrategie, zu der unter anderem eine Wasserstoff-Roadmap Emscher-Lippe von der regionalen Wirtschaftsförderungsgesellschaft WiN Emscher-Lippe GmbH veröffentlicht worden ist, in der rund 40 Maßnahmen zur Umsetzung erarbeitet sind. Der Kreis Recklinghausen sei daran maßgeblich beteiligt.

Pipelineprojekt eine Riesenchance für die Region

Die Auswahl des Pipelineprojekts GETH2 Nukleus durch die Bundesregierung zur Förderung im Rahmen des europäischen Projekts IPCEI könnte eine Riesenchance für die Region sein. Mit der für Anfang 2024 geplanten Eröffnung der Leitung von Lingen nach Marl und Gelsenkirchen bekommt das Vest die erste öffentlich zugängliche Leitung für grünen Wasserstoff in Deutschland überhaupt.

Dies ist die Grundlage für die Anwendungen in der Großindustrie (Chemie, Raffiniere) – perspektivisch darüber hinaus auch für viele Nutzer aus dem Mittelstand und anderen Sektoren, grünen Wasserstoff zu wettbewerbsfähigen Preisen früher als andere Regionen nutzen zu können.

Technisch helfen Spezialmembranen aus dem Kreis RE beim Transport

Dass Wasserstoff überhaupt durch Erdgasleitungen transportiert und anschließend wieder separiert werden kann, liegt ebenfalls am Know-how im Vest. Denn genutzt werden dafür Spezialmembranen, die im Kreis entwickelt werden. Voraussetzung ist aber ausreichend grüner Wasserstoff aus grüner Energie. Getestet werden soll die Technologie (Evonik zeichnet für die Membran verantwortlich) bereits im nächsten Jahr im Stadthafen von Gelsenkirchen.

Steigt das Angebot an Wasserstoff, dürfte auch die Nachfrage im Transportsektor steigen. Entsprechend der Nachfrage dürfte es dann auch mehr Tankstellen geben. Wie der Wasserstoff letztlich zum Verbraucher gelangt, ist auch Inhalt des Regionskonzepts im Rahmen des HyExperts-Projekts.

Wasserstoff vor der eigenen Haustür?

“Im Rahmen von Quartiersentwicklung kann auch der Endverbraucher seine Energie aus grünem H2 beziehen. Dies wird sowohl über bestehende Netze, als auch in Insellösungen für Niedrigtemperaturnahwärme erprobt werden“, gibt sich Dr. Willim optimistisch. Der Kreis prüfe derzeit, ob in der Entwicklung des WASAG-Geländes in Haltern am See als Energie- und Umweltcampus der grüne Wasserstoff als wichtiger Bestandteil für eine CO2-neutrale Energieversorgung erzeugt und genutzt werden könnte. Die Fachdienstleiterin weiter: „Abgesehen davon profitieren alle Bürger von der Eingrenzung des Klimawandels und der Senkung lokaler Emissionen der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Erdgas.“

Ob sich allerdings Lösungen für Einzelhäuser durchsetzen können, müsse sich erst noch zeigen. Da will Dr. Willim nichts versprechen, was nicht eingehalten werden könne. Erste Versuche dazu macht allerdings bereits das Unternehmen Enapter im Kreis Steinfurt mit der geplanten Produktion kompakter Elektrolyseure (mit Hilfe von Strom wird aus Wasser Wasserstoff gewonnen). Auch dort wird technisch eine von Evonik entwickelte Membran genutzt. „Der Kreis Recklinghausen steht bei diesem Projekt im engen Austausch mit den Kollegen im Münsterland“, freut sich Dr. Willim.

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