Niemand soll sich im Kreis Recklinghausen verloren fühlen

Flüchtlinge wollen im Rahmen der „Lernbrücken an Emscher und Lippe“ ehrenamtlich anpacken: Indem sie sich um andere Neuankömmlinge kümmern - und ihnen mit ihren eigenen Erfahrungen helfen.
„Damit Früchte Frucht bringen“: Das ist das Motto von „ernten und säen“, der Gemeinschaftsstiftung für Kirche und Diakonie. Die „Lernbrücken an Emscher und Lippe“ sind bereits deren 30. Stiftungsfonds. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Cihan ist erst vor zweieinhalb Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Kindern aus der Türkei nach Deutschland geflüchtet. Deshalb sind seine deutschen Sätze noch recht kurz – aber in ihrer Einfachheit auch besonders beeindruckend: „Ich möchte andere Menschen glücklich machen“, sagt der 38-Jährige schlicht. „Das ist meine Motivation. Meine Vision.“

Deshalb engagiert sich der Industrieingenieur im Ehrenamtsteam des Stiftungsfonds „Lernbrücken an Emscher und Lippe“. Mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus Guinea, Togo, dem Iran und Deutschland will Cihan Flüchtlingen helfen, hier anzukommen, sich zu orientieren, die Sprache zu lernen. Schließlich war er in der gleichen Situation. Und hat dadurch viel Expertenwissen angehäuft, das er gerne weitergeben möchte.

Sie wollen „selbst anpacken und mitmachen“

Sabine Sinagowitz hat die „Lernbrücken an Emscher und Lippe“ mit einem Stiftungsstock von 5000 Euro gegründet. Es handelt sich dabei um die 30. „eigene“ Stiftung mit eigenem Namen und Förderzweck unter dem Dach von „ernten und säen“. Die Gemeinschaftsstiftung für Kirche und Diakonie im Evangelischen Kirchenkreis Recklinghausen gibt es seit 2005. Sie hat mit einem Stiftungsvermögen von 200.000 Euro die Arbeit aufgenommen. Bis 2020 ist dieses auf 1,85 Mio. Euro angewachsen.

Das Ziel des neuen Stiftungsfonds ist es, „Projekte in der Emscher-Lippe-Region zu initiieren, um Menschen zusammenzubringen und Brücken zu bauen“ – und zwar über sämtliche Grenzen wie Alter, Religionen oder Kulturen hinweg. Menschen mit und ohne Fluchterfahrung bzw. Zuwanderungsgeschichte sollen hier einen Raum finden, „um sich kennenzulernen und miteinander sowie voneinander zu lernen“, sagt Stifterin Sinagowitz.

Die Sozialpädagogin weiß durch ihren Job in der Jugendberufshilfe und Flüchtlingsarbeit beim Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen, „dass die Situation für Geflüchtete viel komplizierter ist, als man sich das so vorstellen kann“. Einerseits. Und dass diese Menschen andererseits „nicht nur Kurse besuchen, sondern auch selbst anpacken und mitmachen wollen“.

Schlüsselerlebnis mit der kleinen Tochter im Krankenhaus

So wie Abraham Bangoura aus Guinea. Der alleinerziehende Vater ist seit fast drei Jahren hier. Und hatte ein Schlüsselerlebnis. Als seine kleine Tochter krank war, fuhr der gelernte Elektriker mit ihr ins Krankenhaus. „Der Arzt wollte wissen, was los ist, was für ein Problem sie hat. Aber ich habe doch nur Französisch gesprochen“, erzählt er. Diesen Moment der Überforderung hat er in Motivation umgewandelt: Der 39-Jährige möchte anderen Menschen helfen, damit sie sich in einer ähnlichen Situation nicht so verloren fühlen.

So will das Ehrenamtsteam Flüchtlinge im Umgang mit Sozialamt, Jobcenter und anderen Behörden unterstützen. Konversationskurse veranstalten. Lesungen und Vorträge. Ausflüge. Oder auch Treffen mit anderen Gruppen: etwa mit Senioren im Altenheim, um sich über Fluchterfahrungen auszutauschen – oder den jeweiligen Umgang mit Alten in unterschiedlichen Ländern und Kulturen.

„Wichtig ist, dass wir alles gemeinsam machen“, findet Cihan. Im Stiftungs-Sprech klingt das so: „Es sind Angebote nicht für, sondern mit den Menschen!“

Niedrige Zinsen, hohe Spendenbereitschaft

Die niedrigen Zinsen hätten dafür gesorgt, dass Stiftungserträge und Ausschüttungen eingebrochen seien, sagt die Geschäftsführerin von „ernten und säen“, Dr. Barbara Gierull. Gleichzeitig würden die Menschen derzeit mehr spenden. Davon profitieren auch die „Lernbrücken“. Sie können so die Anschaffung von Tablets finanzieren – und eine hauptamtliche 450-Euro-Kraft: Marie-Hélène Gierull soll das Ehrenamtsteam in der Anfangszeit unterstützen.

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