Vormittags im Recklinghäuser Gasthaus Hochbetrieb mit Apfelpfannkuchen und Sozialberatung

Redakteur Regionales
Köchin Beate Abeln und ihr Helfer Alisina Sharifi bereiten in der Gasthaus-Küche 40 Apfelpfannkuchen für das Mittagessen vor.
Köchin Beate Abeln und ihr Helfer Alisina Sharifi bereiten in der Gasthaus-Küche 40 Apfelpfannkuchen für das Mittagessen vor. © Jörg Gutzeit
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2,5 Kilogramm Mehl, je 2,5 Liter Milch und Wasser: Große Schüsseln mit angerührtem Teig stehen auf dem Küchentisch. „Heute gibt es Apfelpfannkuchen“, erklärt Beate Abeln. Zusammen mit ihrem Auszubildenden Alisina Sharifi ist die Köchin nun damit beschäftigt, Äpfel zu schälen und in kleine Stücke zu zerteilen. Insgesamt 40 Äpfel werden hier verarbeitet. „Das Ganze sind dann etwa 40 Portionen“, sagt die 56-Jährige.

Es ist Vormittag im Gasthaus an der Gastkirche in Recklinghausen und das Küchenteam ist ganz in seinem Element. „Bis 12 Uhr muss das Essen fertig sein, die Pfannkuchen gebacken“, sagt Beate Abeln. Dann warten täglich etwa 30 Menschen auf die Essensausgabe im Gasthaus. „Unsere Gäste sind häufig Obdachlose, Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, wenig Geld haben und am Essen sparen. Mancher will auch aus seiner kleinen Wohnung raus, hat hier soziale Kontakte“, erläutert der Canisianer-Bruder Reinhard, der zusammen mit vier weiteren Ordensleuten und dem katholischen Pfarrer Ludger Ernsting im Gasthaus lebt. „Ab etwa dem Zehnten bis Zwölften eines jeden Monats steigen bei uns die Besucherzahlen noch, dann wird das Geld knapper“, ergänzt Ludger Ernsting. „Die Gäste zahlen für das Mittagessen einen Beitrag von einem Euro. Und wenn sie den nicht haben, beteiligen sie sich stattdessen an kleinen Diensten wie dem Abspülen“, erläutert Bruder Reinhard. So werden die benötigten Lebensmittel fast ausschließlich über Spenden finanziert, bei etwa 15.000 Essen im Jahr ist das eine monatliche Summe von etwa 1500 bis 2000 Euro. Einen weiteren und eindeutig größeren spendenfinanzierten Posten machen Personalkosten aus, zum Beispiel für die Köchin, die Bürokraft, den Sozialarbeiter…

Bruder Reinhard gibt im Gasthaus Recklinghausen Mittagessen an den wohnungslosen Christian aus.
Bruder Reinhard gibt das Mittagessen an Christian aus. Der 53-Jährige ist seit acht Jahren wohnungslos, das Gasthaus eine regelmäßige und wichtige Anlaufstelle für ihn. © Jörg Gutzeit

Während in der Küche die ersten Apfelpfannkuchen gebacken werden, füllen sich die Räume des Gasthauses weiter mit Tagesgästen. Doch auch am frühen Morgen ist hier bereits Betrieb: Etwa zwei Dutzend Menschen nutzen ab 8.15 Uhr die Möglichkeit zu frühstücken, man kann sich waschen, duschen, rasieren, auch die Kleiderkammer steht zur Verfügung. „Das Frühstück und die Brotausgabe am Abend sind kostenlos, ebenso wie die anderen Angebote. Nur bei der Kleidungsausgabe erheben wir einen kleinen Obolus. Zum einen soll schon klar werden, dass nicht alles selbstverständlich ist, zum anderen fühlen sich viele unserer Gäste auch wohler, wenn sie wenigstens etwas geben“, berichtet Bruder Reinhard, der als gelernter Altenpfleger auch medizinische Versorgungen wie Verbandswechsel übernimmt. Zudem kommt alle zwei Wochen der Recklinghäuser Arzt Dr. Walter Pohle zur kostenlosen Sprechstunde ins Haus. „Das ist gerade für die Gäste, die nicht in einer Krankenversicherung sind, ein wichtiges Angebot“, betont Ludger Ernsting.

Sozialarbeiter Karsten Suchanecki  bietet im Gasthaus vormittags Beratungen an.
Vom Formular-Ausfüllen bis zu Spartipps: Sozialarbeiter Karsten Suchanecki bietet im Gasthaus vormittags Beratungen an – nicht nur für Wohnungslose. © Jörg Gutzeit

Großen Andrang gibt es auch immer wieder am Büro von Karsten Suchanecki. Der Sozialarbeiter berät vormittags im Gasthaus – nicht nur Wohnungslose. Hier geht es um die Bewilligung von Arbeitslosengeld II, um Schulden und Zwangsräumungen, um Post von der Krankenkasse nach einem Unfall. „Formulare ausfüllen: Das ist für viele Menschen schwierig“, sagt der 53-Jährige – auch mit Blick auf Klienten, die Probleme mit dem Lesen und Schreiben haben. Für Karsten Suchanecki ist seine Arbeit eine spannende Mischung: „Ich helfe den Menschen schnell weiter. Zum einen mache ich bei den Formularen eine fachlich gute Arbeit, zum anderen habe ich wachsende persönliche Beziehungen zu den Leuten. Ich gehe unterstützend ein Stück Weg mit ihnen. Das ist meine Art, Priester zu sein“, erläutert Suchanecki, der ursprünglich katholischer Pfarrer werden wollte. Wenn das Zölibat nicht wäre…

„Der finanzielle Druck wird größer“

Immer häufiger gehören auch Spartipps zur Tätigkeit von Karsten Suchanecki. „Das Geld reicht bei vielen Menschen nicht mehr, der finanzielle Druck wird größer“, hat der Sozialarbeiter beobachtet. So gibt er oft Hinweise zu Einsparungen – bei Themen wie Strom, Telefon, Versicherungen. „Und ich mache auch darauf aufmerksam, dass man mit Selberkochen Geld sparen kann – da finden sich entsprechende einfache Anleitungen im Internet.“

Täglich „gute Hausmannskost“

Solche Koch-Tipps braucht Beate Abeln nicht. Die Küchenchefin bringt auch so täglich „gute Hausmannskost“ auf den Tisch des Gasthauses – Gulasch, Spiegelei, Erbsensuppe, Spinat, Rotkohl nennt sie als Beispiele. „Wenn ich morgens um acht zum Dienst komme, fragen mich Gäste, die schon da sind, was es denn zum Mittag gibt“, erzählt Beate Abeln. Auch Rückmeldungen über das Gekochte erhält sie: „Die meisten sind zufrieden, der ein oder andere möchte mehr Salz am Essen. Da ist auch der Geschmackssinn manchmal etwas verloren gegangen.“ Und sonntags gibt es etwas Besonderes im Gasthaus, inklusive Nachtisch. „Man soll schon merken, dass es Sonntag ist“, erklärt die Köchin. Dagegen bleibt donnerstags die Küche kalt. Dann ist Ruhetag im Gasthaus, allerdings mit einem Ansprechpartner in Notsituationen.

Die Köchin muss flexibel sein

Und was gibt es in den nächsten Tagen mittags im Gasthaus zu essen? Beate Abeln zögert kurz mit der Antwort. Man habe zwar einen Essensplan, aber der gelte nur, wenn nichts Besonderes geschehe. „Kommt zum Beispiel abends überraschend eine größere Spende wie ein Erbseneintopf, der verarbeitet werden muss, dann ändern wir die Planungen“, erklärt die Köchin. „Da muss man spontan und flexibel sein, aber da komme ich mit klar.“

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SO KÖNNEN SIE SPENDEN

  • Und so können Sie das Gasthaus in Recklinghausen mit einer Spende unterstützen:- Spendenkonto:Volksbank Marl/REIBAN: DE69 4266 1008 5102 8329 03-Empfänger:Gasthaus Recklinghausen-Verwendungszweck:„Spende Bauer“- Spendenquittung:Gerne wird Ihnen auf Wunsch eine Spendenquittung ausgestellt. Geben Sie dazu bitte Ihre vollständige Adresse unter Verwendungszweck an.- Bisher gespendet: 2740 Euro
  • Einzelne Aspekte der Arbeit im Gasthaus stellen wir in der Adventszeit vor – jeweils mittwochs und samstags.
  • Unsere Weihnachts-Spendenaktion gilt in diesem Jahr dem Gasthaus an der Gastkirche in der Recklinghäuser Innenstadt, Hl.-Geist-Str. 7. „Nahe bei den Menschen in Not“ ist der Titel der Aktion, denn das Gasthaus unterstützt in vielfältiger Art und Weise Menschen in Krisensituationen. Das reicht vom täglichen Essensangebot für Wohnungslose und andere Menschen über Sozialberatung bis zur Trauerbegleitung und zu regelmäßigen Gesprächszeiten in der Gastkirche. Der leitende Pfarrer Ludger Ernsting bezeichnet das Gasthaus als „Anlaufstelle für alle Menschen in Not“.