„Echt tierisches“ Neujahrskonzert

Wenn NPW-Violinen und -Fagotte in Recklinghausen wie Hühner gackern

Noam Zur springt für Aurélien Bello ein und rettet so das Neujahrskonzert der Neuen Philharmonie Westfalen in Recklinghausen
Sprang für Aurélien Bello ein: Noam Zur. © Jörg Gutzeit

Vor dem Neujahrskonzert der Neuen Philharmonie Westfalen im Ruhrfestspielhaus lagen die Nerven blank. Höchste Eile war geboten, als feststand, dass Aurélien Bello in Quarantäne musste. Sechsmal hatte der 41-Jährige das Silvester- und Neujahrs-Programm unter dem Motto „Echt tierisch!“ zuvor schon in anderen Städten aufgeführt. Ausgerechnet vor dem Auftritt im Festspielhaus fiel ein Corona-Test positiv aus. Binnen 24 Stunden sprang der Israeli Noam Zur ein. Mit der Neuen Philharmonie ist der ehemalige Kapellmeister des Aalto-Theaters vertraut. Als Gastdirigent glänzte er mit ihr zuletzt im gestreamten Konzert „Sound and Fury“ im Mai bei den Ruhrfestspielen.

15 unterschiedlichen Nummern rund ums Tierreich

Das kleinteilige Programm mit 15 höchst unterschiedlichen Nummern rund ums Tierreich über Nacht zu übernehmen, ist dennoch eine Herausforderung. Noam Zur und das hochmotivierte Orchester verstanden sie prächtig. Aufhorchen ließ zu Beginn Offenbachs Ouvertüre zu „Vert-Vert“. Der heikle Wechsel des Metrums und das sachte anhebende, effektvolle Crescendo sind als Herausforderung nicht zu unterschätzen. Zur und die Philharmoniker bestanden sie exzellent. Der Dialog mit den Pizzicati der dunklen Streicher bot der vierköpfigen Hörnergruppe Gelegenheit, sich auf beachtlichem Niveau zu beweisen.

Süffige Melodik und mitreißender Schwung

In einem solch „tierischen“ Potpourri fünf Walzer und Polkas der Wiener Walzer-Dynastien unterzubringen, ist eine besonders findige Kunst. Süffige Melodik und mitreißender Schwung in Johann Strauß‘ leicht schlüpfrigem „Lockvögel“-Walzer, das fabelhafte Accelerando in Joseph Lanners zackigem „Tarantel- Galopp“ oder die „Libellen“-Polka des alten Josef Strauß zeigten Sinn für Esprit. Wie Hühner gackerten Violinen und Fagotte in einer Nummer aus Ottorino Respighis Vogelstimmen-Ballettsuite „Gliuccelli“. Rimsky-Korsakows „Hummelflug“ mit höchster Rasanz auf der kurzen Etappe von gut 90 Minuten, der Tanz der drei weißen Schwäne aus Tschaikowskys „Schwanensee“ oder Mussorgskys Ballett der unausgeschlüpften Kücken aus den „Bildern einer Ausstellung“ erwiesen sich als Preziosen.

Auftritt des „Schwans“ aus Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“

Eine Nummer darf hier nicht fehlen: Hinreißend glückte Solocellist Felix Drake und Harfenistin Lucilla Weyer der Auftritt des „Schwans“ aus Camille Saint-Saëns „Karneval der Tiere“. Das Publikum reagierte begeistert im ausverkauften Saal mit reduziertem Platzangebot durch Schachbrett-Muster und zwei Plätze Abstand.

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