Gleichberechtigung

„Frau Tas macht Revolution in Recklinghausen“

Gülten Tas (46) ist von der deutschen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt eine kleine Sensation gelungen. Sie wurde als erste Frau im Integrationsrat der Stadt zur Vorsitzenden gewählt.
Gülten Tas: die erste Frau, die dem Integrationsrat in Recklinghausen vorsitzt. © Oliver Kleine

Eine Frau als Chefin. Eine Vorsitzende, der Männer zuhören, deren Wort sie beachten müssen. Was in der Arbeitswelt und in der Politik in Deutschland – immerhin noch mit einer Bundeskanzlerin an der Spitze – recht normal geworden ist, kommt in der türkischen „Community“ in Recklinghausen tatsächlich einer kleinen Revolution für die Gleichberechtigung von Frauen gleich. Gülten Tas trägt kein Kopftuch, hat Tattoos und Piercings, strahlt ein ruhiges Selbstbewusstsein aus. Dabei versucht die in Recklinghausen-Süd geborene Tochter türkischer Eltern unnötige Konfrontationen mit dem männlichen Geschlecht eher zu vermeiden. Wir haben Sie nach ihrer Herkunft, ihrer Zukunft und ihren Zielen gefragt.

Frau Tas, Ihr Nachname hat im Original einen kleinen Schlängel unter dem S. Wie spricht man ihn richtig aus?

(lacht…) Ich höre oft „Tas“. Man spricht ihn aber „Tasch“ aus.

Seit den 1990er-Jahren waren immer konservative türkische Männer aus Moschee-Vereinen Vorsitzende des Recklinghäuser Integrationsrates, der zuerst Ausländerbeirat hieß. Waren Sie überrascht, dass Sie, wenn auch mit einer knappen Mehrheit, gewählt wurden?

Ach, ich wollte es einfach versuchen und bin als Einzelbewerberin ins kalte Wasser gesprungen. Ich hatte den Eindruck, dass die Stadtverwaltung offen für Frauen in Führungspositionen ist. Und ich war zuvor von vielen Frauen und einigen Männern dazu ermutigt worden, es zu versuchen. Ich habe ja schon viel ehrenamtlich gemacht, übrigens auch in der Politik.

Was denn, zum Beispiel?

Ich war Vorstandsvorsitzende in unserer alevitischen Gemeinde, helfe schon lange vielen Frauen bei Formularen, telefoniere für sie mit Behörden oder Ärzten, höre ihnen zu, beantworte ihre Fragen. Ich habe auch in der türkischen Politik gearbeitet, bin Mitgründerin der Frauenbewegung in der CHP, der sozialdemokratischen Opposition, und war Vorsitzende von deren Frauenverband in NRW.

Ist die Gleichberechtigung von Mann und Frau bei den Aleviten etwas weiter als bei anderen Religionsgemeinschaften – und bei den Sozialdemokraten weiter als in der AKP von Präsident Erdogan?

Zweimal ja. Bei uns Aleviten beten Frauen und Männer zum Beispiel gemeinsam in einem Raum, und die Gleichstellung ist schon recht normal. Dass Männer einer Frau als Vorsitzender zuhören, ist aber nicht immer selbstverständlich. Ich musste schon manchmal laut werden. Das hat mir am Ende dann einige Anerkennung gebracht. Leider ist es bei uns Frauen so, dass wir um diese Anerkennung mehr kämpfen müssen als Männer.

Ihre Ziele als Integrationsratsvorsitzende…?

Da ich mich ohnehin schon um konkrete Hilfe für Migrantinnen kümmere, dachte ich: Warum sollte ich das nicht öffentlich in diesem Gremium tun? Mein Mann hat mich darin auch unterstützt und gesagt, so könne ich noch mehr Migranten helfen. Als erstes habe ich ja öffentlich die langen Wartezeiten im Ausländeramt in Frage stellt. Wenn es im Bürgerbüro schnell geht, und im Ausländeramt nicht, dann sollte die Stadt da etwas ändern. Dabei muss ich gestehen: Die Abläufe in einer Stadtverwaltung lerne ich gerade erst kennen. Ich hab so etwas noch nie gemacht. Ich kann aber schon sagen: Wir haben einen tollen Bürgermeister, über den man wirklich froh sein kann, und das sage ich, obwohl ich der Sozialdemokratie nahe stehe. Herr Tesche behandelt alle gleich – Aleviten, Moscheegemeinden, Christen, andere Nationalitäten. Und wie jemand sein Gegenüber behandelt, das ist wichtiger als die Partei, für die jemand steht.

Bitte noch einmal zurück zu Ihren Zielen!

Ja, gerne. Ich möchte hauptsächlich alle Probleme, die Recklinghäuser Bürger mit ausländischen Wurzeln haben, bei der Stadtverwaltung vertreten, deren Sprachrohr sein und dazu beitragen, dass das Miteinander gut funktioniert und dass man gemeinsam Projekte und Ziele für unsere Stadt durchführt. Daneben gibt es den Schwerpunkt Frauen: Viele Frauen mit Migrationshintergrund lassen sich bisher noch sehr von Männern beherrschen. Ihre Rolle soll die der Ehefrau und Mutter sein. Ihr Arbeitsplatz ist die Küche. Ich möchte diese Frauen motivieren, sich nicht selbst zu unterschätzen. Meine Überzeugung ist: Wenn Frauen das wollen, kann dieselbe Hand, die den Kinderwagen bewegt, auch die Welt bewegen. Sie müssen nur aktiv werden und dürfen sich nicht einschüchtern lassen.

Wie haben die konservativen türkischen Vertreter im Integrationsrat bisher auf Sie reagiert?

Ich habe Sie noch nicht kennengelernt. Wir hatten ja wegen der Pandemie erst eine Sitzung. Und zu der sind sie nicht erschienen. Sonst gab es nur Online-Meetings. Ich bin mir aber sicher, dass ich auch mit den konservativen Vertretern gut zusammenarbeiten werde.

Gab es gar keine Reaktionen?

(lacht…) Doch! Ein türkisches Online-Medium hat das mit der Überschrift kommentiert: „Frau Tas macht Revolution in Recklinghausen“.

Das könnte ja noch interessant werden. Themenwechsel: Wie sehen Sie Ihre eigene Nationalität? Was ist Ihre Heimat?

Ich bin Deutsch-Türkin, mein Mann auch. Und wir feiern auch Ostern – und Weihnachten mit Tannenbaum sowie türkische religiöse Feiertage. Ich möchte aber noch etwas über Muslime und Nicht-Muslime sagen…

…gerne…

Migrantinnen, die sich von Männern einschüchtern lassen, gibt es nicht nur bei Muslimen. Ich kenne auch christliche Migrantinnen, die noch nie Bankgeschäfte erledigt haben, die nicht wissen, welche Versicherungen ihre Familie hat und die nie einen Führerschein gemacht haben. Frauen werden allgemein oft unterschätzt und sie unterschätzen sich oft selbst. Es wird Zeit, dass wir und unsere nachfolgende Generation das ändern.

Zur Person: Gülten Tas arbeitet als medizinische Fachangestellte in der Geriatrie des Süder Elisabeth-Krankenhauses. Sie ist in der alevitischen Gemeinde aktiv, in der Südstadt aufgewachsen, verheiratet und Mutter zweier Kinder (18 und 14 Jahre alt). Nach der Kommunalwahl 2020 wurde sie zur ersten Frau an der Spitze des Integrationsrates der Stadt gewählt.

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