Debat-O-Meter

Zuschauer sagen: Olaf Scholz gewinnt – doch überraschende Entwicklungen während des Triells

Annalena Baerbock (Grüne) und Olaf Scholz (SPD) haben sich beim TV-Triell laut Debat-O-Meter am besten geschlagen. Als Kanzler wird Scholz gesehen. Allerdings gab es überraschende Entwicklungen.
Das Ergebnis des Debat-O-Meters in der Zuschauerbewertung des Triells von Sonntagabend ist eindeutig. Olaf Scholz (SPD, l.) landete klar vor Annalena Baerbock (Grüne, Mitte) und Armin Laschet (CDU, r.). Dabei gibt es erstaunliche Nuancen in den Einzelerwertungen. © picture alliance/dpa/dpa-Pool

12.000 Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland haben das zweite Fernseh-Triell vor der Bundestageswahl mit dem Debat-O-Meter verfolgt, das auch von unserem Medienhaus unterstützt wurde. Mit diesem Instrument konnte man live per Smartphone, Tablet oder PC über das Internet den Schlagabtausch zwischen Annalena Baerbock (Grüne); Olaf Scholz (SPD) und Armin Laschet (CDU) bewerten.

Ein Forscherteam der Uni Freiburg um die Professoren Uwe Wagschal und Bernd Becker hat den Debat-O-Meter entwickelt und alle während des Duells gesammelten rund 642.000 Einzelbewertungen noch in der Nacht nach dem Triell ausgewertet. Dabei gab es höchst interessante Ergebnisse. Etwa, wer bei welchem Punkt am besten abgeschnitten und bei welchem am schlechtesten ausgesehen hat.

Debat-O-Meter im Vergleich zu Umfragen von ARD und ZDF

Auf die Frage: „Alles in allem, wer hat Ihrer Meinung nach in der Diskussion am besten abgeschnitten?“ gab es keine eindeutige Antwort. 32,2 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sahen Olaf Scholz als Sieger, 32,0 Prozent Annalena Baerbock. Armin Laschet landete mit 27,6 Prozent abgeschlagen auf dem letzten Platz. 8,3 Prozent der Befragten votierten für ein Unentschieden.

Dieses Ergebnis unterscheidet sich durchaus von dem, was ARD und ZDF nach dem Triell in Blitz-Meinungsumfragen ermittelt hatten, die längst nicht so detaillierte Ergebnisse liefern konnten wie das Debat-O-Meter. Die ARD-Umfrage sah Scholz (41 Prozent) vor Laschet (27 Prozent) und Baerbock (25). Bei der ZDF-Umfrage lautete die Reihenfolge: Scholz (32 Prozent) vor Baerbock (26 Prozent) und Laschet (20 Prozent).

Annalena Baerbock verbessert sich am stärksten

Vor der Debatte waren die Debat-O-Meter-Teilnehmer gefragt worden, von wem sie glaubten, dass er am besten abschneiden würde. Dabei lag Scholz mit 41,2 Prozent noch deutlich vorne. Insgesamt hat er damit bei einer Betrachtung der Vor- und Nachbefragung etwas verloren. Die Zahl der Unentschiedenen ging jedoch deutlich zurück. Sie lag vor dem Triell noch bei 20,2 Prozent, danach waren es nur noch 8,3 Prozent.

Annalena Baerbock verbesserte sich am stärksten: Vor der Debatte glaubten nur 17,2 Prozent an sie als Siegerin, am Ende kam sie ab 32,0. Auch Armin Laschet konnte gegenüber der Ausgangserwartung zulegen – um 7,4 Prozentpunkte.

Wer bei einer Direktwahl die Nase vorn hätte

Am Ende wurden die Teilnehmer auch gefragt, wen sie, gäbe es eine Direktwahl, als Kanzler oder Kanzlerin wählen würden. Das Ergebnis ist für das Debat-O-Meter-Forscherteam angesichts hoher Sympathiewerte und zahlreicher positiver Bewertungen bei der Echtzeitmessung für Annalena Baerbock sehr überraschend. Baerbock käme nämlich mit 26,8 Prozent nur auf den dritten Platz. Knapp 30 Prozent wünschen sich Armin Laschet als Kanzler. Deutlicher Sieger hier ist Olaf Scholz, den sich 43,3 Prozent aller Befragten als Kanzler wünschen.

Die Analyse der Daten zeigt, dass bei den noch unentschlossenen Wählerinnen und Wählern, den Anhängern anderer Parteien und bisherigen Nicht-Wählern Annalena Baerbock am meisten punktete, gefolgt von Armin Laschet und Olaf Scholz. Bei den Jungen (unter 40) lag Baerbock vorne, bei den 40- bis 59-Jährigen Armin Laschet und bei den über 60-Jährigen Olaf Scholz.

Wer bei welchen Eigenschaften am stärksten punktet

Wer beim Debat-O-Meter mitmachte, konnte am Ende auch bestimmte Eigenschaften der drei Kandidaten auf einer Skala von minus zwei bis plus zwei bewerten. Hier gab es nicht immer schmeichelhafte Resultate.

Die größte Führungsstärke wurde Scholz (+ 0,6) zugebilligt, gefolgt von Baerbock (- 0,05) und Laschet (- 0,32). Auch bei der Frage „…ist fähig, politische Probleme zu lösen“ sieht man die gleiche Reihenfolge: Scholz vor Baerbock und Laschet.

Die höchsten Sympathiewerte heimste Annalena Baerbock (+ 0,57) ein, vor Scholz (+ 0,49) und Laschet (-0,50). Auch bei der Frage nach der Glaubwürdigkeit liegt Baerbock knapp vor Scholz und deutlich vor Laschet. Bei den rhetorischen Fähigkeiten schneidet Scholz am besten ab, gefolgt von Baerbock und Laschet.

Die Tops und Flops von Baerbock, Scholz und Laschet

Weil beim Debat-O-Meter die Votings sekundengenau festgehalten wurden, lässt sich exakt nachvollziehen, wer bei welchem Thema am meisten gepunktet und bei welchem Thema das schlechteste Bild abgegeben hat.

Am meisten Zustimmung erhielt Annalena Baerbock für Ihre Aussage, dass „zuallererst Abgeordnete, Minister, Leute wie wir“ in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen sollten. Den deutlichsten Widerspruch erntete sie für ihre Ansage, dass sie den Soli nicht abschaffen wolle.

Die Forderung von Armin Laschet, „das Wohnen im ländlichen Raum attraktiv [zu] halten, damit nicht jeder glaubt, für gleichwertige Lebensverhältnisse in die Stadt ziehen [zu müssen]“ fand große Zustimmung unter den Zuschauern. Hingegen erntete er für seine Spitze im Schlussstatement gegen die Grünen – dass er nicht gängele, die Menschen machen lasse – stark negative Bewertungen.

Olaf Scholz bekam für seine Antwort auf die Frage nach der zentralen Lehre aus der Corona-Pandemie die höchsten Zustimmungspunkte. Er hatte gefordert, dass der öffentliche Gesundheitsdienst auf den modernsten Stand gebracht werden müsse. Übel nahmen ihm die Zuschauerinnen und Zuschauer dagegen, dass er sich gegen eine Testpflicht für Arbeitnehmer am Arbeitsplatz aussprach.

Die sachlichen Fehler der Annalena Baerbock

In der Gesamt-Analyse des Abends listet das Forscherteam aus Freiburg noch einige spezielle Aspekte auf. So heißt es in der Auswertung des Forscherteams: „Während Armin Laschet nur zu Beginn des Triells bei der Koalitionsfrage besonders angriffslustig war, erlahmte doch im Laufe des Abends seine Streit- und Kampfeslust. Ob sein Ziel ,Kanzler des Vertrauens‘ zu werden, erfolgreich sein wird, darf angesichts des wohl eher erfolglosen Kampfes bezweifelt werden.“

Annalena Baerbock weist das Forscherteam gleich mehrfach fehlende Sachkenntnis nach. So habe sie beispielsweise von „Deutscher Wende“ statt Deutscher Einheit gesprochen. Zudem habe sie von einem „Bundesfinanzamt“ geredet. „Auch eine – selbst korrigierte – Verwechslung von rechtsextremen Anschlägen in Hanau und Halle zeugte von einer gewissen Fahrigkeit bei Baerbock in der Diskussion“, so das Forscherteam.

Worüber nicht gesprochen wurde

Über Olaf Scholz resümiert das Freiburger Team: „Olaf Scholz verfolgte mitunter eine bei Angela Merkel abgeschaute Strategie des ,sie wissen wer ich bin‘. Inhaltlich weitgehend souverän, schwamm er kurz bei der Diskussion um den Wirecard-Skandal und der jüngsten Durchsuchung im Finanzministerium.“

Interessanterweise wurden einige Themen an diesem Triell-Abend ausgeklammert. So wurden die Außen- und Verteidigungspolitik, die Innere Sicherheit und Europa nicht behandelt. Nur am Rande spielte das Migrationsthema eine Rolle – allerdings auch nur unter dem Aspekt des Arbeitskräftemangels. Das hatte im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 noch den größten Raum eingenommen.

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