Coronavirus

Corona-Varianten: Wo bleibt eigentlich der angepasste Impfstoff?

Es war das Versprechen zu Beginn der Pandemie: Die neuen mRNA-Impfstoffe ließen sich rasch an neue Varianten anpassen, verhießen die Hersteller. Doch wo bleiben sie? Und lohnt sich das Warten?
Eine Krankenschwester zieht im Impfzentrum des Landkreises Harz den Impfstoff Nuvaxovid vom Hersteller Novavax auf eine Spritze auf.
Es war das Versprechen zu Beginn der Pandemie: Die neuen mRNA-Impfstoffe ließen sich rasch an neue Varianten anpassen, verhießen die Hersteller. Doch wo bleiben sie? © picture alliance/dpa

Entspannung? Erst mal leider nicht in Sicht. „Die angekündigte Sommerwelle ist leider Realität geworden“, stellt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) lapidar fest – und enttäuscht damit all jene, die auf einen sorglosen Sommer gesetzt hatten.

Die extrem leicht übertragbare Corona-Variante BA.5, dazu die bei vielen immer länger zurückliegende Impfung: Beides sorgt dafür, dass die Zahl der Neuinfektionen wieder stark steigt – die Sieben-Tage-Inzidenz näherte sich am Mittwoch bereits wieder großschrittig der 500er-Marke. Auch wenn die Krankenhausbelegung und die Zahl der schweren Verläufe erfreulich niedrig bleibt: Es stellen sich wieder Fragen, vor allem rund um die Impfungen.

Wer die vierte Impfung braucht

Die Entscheidung für einen zweiten Booster hängt laut der Ständigen Impfkommission (Stiko) vor allem an einem Faktor: dem Alter. Eine zweite Auffrischdosis empfiehlt das Fachgremium seit Februar explizit den über 70-Jährigen: mit einem der bereits zugelassenen mRNA-Impfstoffe, also Biontech oder Moderna – und frühestens drei Monate nach der letzten verabreichten Dosis. Auch Menschen in Pflegeheimen, medizinisches Personal und Menschen mit einer Immunschwäche sollten sich ein viertes Mal impfen lassen.

Studien haben gezeigt, dass sich mit einem weiteren Booster das Schutzlevel vor Infektion, Krankheit und Tod noch einmal deutlich erhöhen lässt. Wieso das dann nicht der ganzen Bevölkerung empfohlen wird? Das hat mit dem Impfziel zu tun. Das ist laut wissenschaftlicher Empfehlung der Stiko folgendes: „Schwere Verläufe, Hospitalisierungen und Tod sowie Langzeitfolgen durch Covid-19 in der Bevölkerung Deutschlands so weit wie möglich zu reduzieren“.

Für wen drei Impfungen vorerst reichen

Auch bei gesunden, jüngeren Menschen steigt das Risiko einer Ansteckung, je länger die letzte Impfung zurückliegt, weil relevante Antikörper schwinden. Aber ihr Risiko für einen schweren Verlauf bleibt längerfristig gering, wenn sie dreifach geimpft sind, weil auch andere Bereiche des Immunsystems vor Covid-19 schützen.

Wer dreifach geimpft ist, jünger als 65 ist und an keiner Immunschwäche leidet, ist also in der Regel sehr gut vor Covid-19 geschützt. Auch bei den neuen Omikron-Linien BA.5 und BA.4 bleibt das glücklicherweise so.

„Bei immungesunden Personen unter 60 sehe ich aktuell keine Veranlassung zu einer vierten Impfung“, sagt der Immunologe Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. „Diese Personen haben immer noch einen sehr guten Schutz vor der schweren Erkrankung, werden aber früher oder später eine Durchbruchsinfektion haben.“ Diese führe dann zur hybriden Immunität, die wieder sehr gut vor Ansteckung und Erkrankung schützt. „Auf diese Weise werden sich die meisten Personen ihre Immunität alle paar Jahre auffrischen“, vermutet der Corona-Experte.

Kommt im Herbst die Omikron-Impfung für alle?

Im Herbst sollen besser an neue Omikron-Varianten angepasste mRNA-Impfstoffe zugelassen werden. Die Stiko wird ihre Empfehlung zukünftig also noch einmal anpassen. Bund und Länder planen bereits mit einer Booster-Offensive für die breite Bevölkerung. Die Hoffnung: Kurzfristig könnten dadurch womöglich auch, wie bereits in anderen Impfkampagnen geschehen, Ansteckungen in der Bevölkerung verringert und damit eine Infektionswelle in der Gesamtbevölkerung abgeflacht werden.

Der Effekt der Impfungen, Infektionen zu stoppen, würde aber, wie bei bisherigen Impfungen auch, wahrscheinlich innerhalb weniger Wochen bis Monate wieder abnehmen. Endgültig klar ist aber noch nicht, ob das auch bei den neuen Vakzinen so bleibt.

Fachleute sind angesichts der fehlenden Daten bislang noch zögerlich, ob im Herbst weitere Impfungen für alle zu empfehlen sind – oder nur für Menschen mit besonders hohem Risiko für einen schweren Verlauf, also die über 70-Jährigen und bei Immunschwäche. Es sei „zu früh“, um die Verwendung einer vierten Dosis von mRNA-Impfstoffen in der Allgemeinbevölkerung in Betracht zu ziehen, heißt es in einer Mitteilung der europäischen Arzneimittelbehörde EMA. Ähnlich sieht das die Stiko, die angekündigt hat, zum Herbst hin ihre Impfempfehlungen zu Corona-Impfungen zu prüfen.

Warum der Omikron-Impfstoff so lange auf sich warten lässt

Es war das große Versprechen der neuen mRNA-Technologie: Innerhalb von sechs Wochen sei so eine Anpassung grundsätzlich möglich. Erste Chargen eines neuen und besser schützenden Impfstoffs könnten innerhalb von 100 Tagen ausgeliefert werden, hieß es zu Beginn der Impfkampagne.

Jetzt jedoch soll es mindestens bis September dauern, bis die ersten an Omikron angepassten Impfstoffe ausgeliefert werden. Geimpft wird derzeit noch immer mit dem Urvakzin, das gegen die ursprüngliche Corona-Variante entwickelt wurde.

Schuld an der langen Dauer ist offenbar vor allem der aufwendige Zulassungsprozess. „Grundsätzlich ist es möglich, die mRNA-Sequenz zügig innerhalb weniger Tage anzupassen“, betont der Impfstoffhersteller Biontech in einem Statement.

„Was bisher am meisten Zeit für Biontech in Anspruch nahm, sind zusätzliche klinische Studien, in denen es vor allem um die Frage ging, ob der angepasste Impfstoff mono- oder bivalent sein sollte“, erklärt das Unternehmen. Das heißt also: Zum einen müssen die Hersteller entscheiden, ob sie Auffrischimpfungen anbieten, die speziell gegen Omikron-Linien wirken – oder aber gleich gegen mehrere Varianten auf einmal. Damit der Impfstoff produziert und an Deutschland ausgeliefert werden kann, braucht es zum anderen, ähnlich wie bei der ersten Corona-Impfkampagne, große vergleichende klinische Studien.

Und auch danach wird noch nicht produziert. Sind ausreichend und vielversprechende Daten vorhanden, legen die Hersteller diese der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) vor. Sie beantragen eine Genehmigung für ihre Variantenimpfstoffe. Dann prüft die Behörde, die EU-Kommission genehmigt das Mittel schließlich final, wenn alles passt. Und erst dann produzieren die Hersteller in großem Stil ihre neuen Variantenimpfstoffe.

Wird ein neuer Impfstoff auch gegen BA.5 schützen?

Gesundheitsbehörden rechnen damit, dass sich in den kommenden Wochen deutschlandweit die Virusvariante BA.5 durchsetzt. Als die Impfstoffhersteller ihre angepassten Impfstoffe entwickelten, gab es diese Mutante allerdings noch nicht. Die Unternehmen Moderna und Biontech haben bislang auch noch keine Daten dazu veröffentlicht, wie gut der aktualisierte Impfstoff gegen BA.5 wirkt. Fachleute hoffen aber trotzdem auf Vorteile für besonders Gefährdete. „Natürlich ist das Virus mal wieder schneller als die Impfstoffentwicklung“, sagt Carsten Watzl. „Aber der Unterschied zwischen BA.1 und BA.5 ist deutlich kleiner als der Unterschied zwischen dem Originalimpfstoff und BA.5.“

Daher habe auch ein an BA.1 angepasster Impfstoff noch viel Sinn. „Er stimuliert gerade die Immunzellen, die sowohl die Ursprungsvarianten als auch Omikron erkennen können. Daher wird durch angepasste Impfstoffe die Immunität variantenunabhängiger und kann auch vor zukünftigen Varianten einen Schutz bieten.“ Ähnlich sieht das Andreas Radbruch, wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Rheuma-Forschungszentrum Berlin: „Noch besser wäre einer, der auch die Virusvariante BA.5 berücksichtigt, aber auch der BA.1-Impfstoff ist da schon besser als der Originalimpfstoff.“

Warum zum Herbst eine Impfpflicht kommen könnte

Im Bundestag ist die Impfpflicht zuletzt gescheitert. Bayern will zusammen mit Hessen und Baden-Württemberg einen neuen Anlauf für eine Corona-Impfpflicht machen. „Ich bedaure immer noch, dass sich der Bundestag nicht auf eine Impfpflicht einigen konnte“, sagte der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Zusammen mit den Kollegen aus Hessen und Baden-Württemberg werde ich mich nächste Woche bei der Gesundheitsministerkonferenz für eine Impfpflicht ab 60 einsetzen“, sagte der CSU-Politiker. „Appelle an die Menschen, sich impfen zu lassen, sind wichtig. Aber letztlich ist eine Impfpflicht der schnellere Weg aus der Pandemie.“ Auch müsse ein Impfregister geschaffen werden, forderte Holetschek. „Wir brauchen dringend ein Impfregister, damit wir wissen, wie viele Menschen wirklich geimpft sind.“

Was Deutschland fehlt, um sicher durch den Herbst zu kommen

Praktisch alle Experten sind sich einig: Es fehlen Daten. Um auf die aktuelle als auch auf die kommende Situation im Herbst passend reagieren zu können, brauche es endlich eine belastbare Zahlenbasis, fordert zum Beispiel der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt: „Das ist eine riesengroße Baustelle.“ So sei zum Beispiel noch immer nicht klar, wie viel Prozent der Patienten in den Krankenhäusern aufgrund einer Covid-Infektion oder mit einer Covid-Infektion eingeliefert wurden. „Wenn man ehrlich ist, tappt Deutschland nach über zwei Jahren immer noch im Dunkeln.“

Zudem müssten die kostenlosen Corona-Bürgertests dringend über den Juni hinaus verlängert werden, fordert die Deutsche Stiftung Patientenschutz. In der Altenpflege müsse zudem ein tägliches Testregime festgeschrieben werden. „Damit die steigenden Infektionszahlen sich nicht zu einem Tsunami für Pflegebedürftige und Schwerstkranke entwickeln, muss Karl Lauterbach jetzt gegensteuern“, erklärt Vorstand Eugen Brysch.

Der Artikel "Corona-Varianten: Wo bleibt eigentlich der angepasste Impfstoff?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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