Fragen und Antworten: Wie gefährlich ist Putins Atom-Drohung?

Russlands Präsident Wladimir Putin hat im Ukraine-Konflikt mit einer Alarmbereitschaft für Abschreckungswaffen gedroht. © picture alliance/dpa/Russian President Press Office/TASS
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Der russische Präsident Wladimir Putin hat das Wort Atomwaffen zwar nicht ausgesprochen. Aber die von ihm befohlene Alarmbereitschaft für „Abschreckungswaffen“ ist weltweit als Drohung mit dem atomaren Arsenal verstanden worden.

Sie erfolgte einen Tag, nachdem sich die westlichen Verbündeten auf weitere harte Wirtschaftssanktionen verständigt haben – und Deutschland als weiterer von inzwischen zahlreichen Nato-Staaten Waffenlieferungen in die Ukraine ankündigte.

Was bedeutet die Alarmbereitschaft konkret?

Russlands Atomwaffen sind im Grund immer einsatzbereit. Nun hat Putin die strategischen Abschreckungswaffen, zu denen auch die nuklearen gehören, in erhöhte Kampfbereitschaft versetzen lassen. Das sei die zweite Stufe vor der vollen Kampfbereitschaft, sagt der Generalmajor Boris Solowjow der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“, der selbst früher bei den entsprechenden Streitkräften war. „Dann kann in jedem beliebigen Moment der ‚rote Knopf‘ betätigt werden.“

Russland hat anstelle eines roten Knopfes Atomkoffer, wovon es drei gibt – neben Putin beim Verteidigungsminister und beim Generalstabschef. „Dieses System dient als Absicherung gegen einen beliebigen Fehler bei der Anwendung von Atomwaffen“, sagt Solowjow. Konkret in Kampfbereitschaft versetzt wurden die strategischen Raketentruppen, die Nord- und die Pazifik-Flotte und die Fernfliegerkräfte.

Wie begründet Putin diesen Schritt?

Er nennt „aggressive“ Äußerungen von Führungspersönlichkeiten der Nato-Staaten als Grund. Putin spricht von „Selbstverteidigung“ des Landes.

Aus russischer Sicht handelt es sich um eine defensive Maßnahme für den Fall, dass die USA von ihrem in der Militärdoktrin verankerten Erstschlagrecht Gebrauch machen. Putin erinnert immer wieder daran, dass die USA schon Atomwaffen gegen Städte eingesetzt hätten, Russland aber nie.

Russland hat in seiner Doktrin nur einen Verteidigungseinsatz dieser Waffen vorgesehen. Der Militärexperte Boris Solowjow erklärt, dass Putin mit seinem Erlass daran erinnert habe, dass Russland sich verteidige, wenn der Staat auch mit anderen Waffen angegriffen werde oder sein Bestehen in Gefahr sehe.

Wie ernst ist Putins Drohung zu nehmen?

Die Drohung ist sehr ernst zu nehmen. Das sagten am Sonntag und Montag auch Vertreter von Nato-Staaten, unter anderem Außenministerin Annalena Baerbock. Putin hatte in seiner Rede zum Beginn des Krieges gegen die Ukraine gesagt, dass niemand es wagen solle, Russland anzugreifen. Auch die historisch beispiellosen Sanktionen sieht er als einen Angriff.

2018 hatte er einmal gesagt: „Der Aggressor sollte wissen, dass die Vergeltung unumgänglich ist. Und dann kommen wir als Märtyrer in das Paradies, und sie verrecken einfach, bevor sie es auch nur schaffen, Reue zu zeigen.“

Wann hat es eine solche nukleare Alarmbereitschaft zuletzt gegeben?

Nach Angaben des US-Militärhistorikers James Acton hat es eine solche Situation zuletzt vor 50 Jahren gegeben. „Das letzte Mal, dass das in einer Krise zwischen den USA und Russland beziehungsweise der Sowjetunion geschah, war während des Jom-Kippur-Krieges 1973. Damals sprachen die USA eine solche Warnung aus“, sagte er dem „Spiegel“. Der Jom-Kippur-Krieg war einer von mehreren Kriegen zwischen Israel und arabischen Staaten im Nahost-Konflikt.

Wie reagiert die Nato?

Die Nato übt sich bislang in Zurückhaltung. Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete Putins Ankündigung zwar als „unverantwortlich“ und beschwor die Einigkeit der Nato-Staaten. Jedoch vermied der Norweger jede rhetorische Eskalation.

Hinzu kommt, dass nicht die Nato selbst über Atomwaffen verfügt, sondern die drei Bündnisstaaten USA, Frankreich und Großbritannien. Stoltenberg bekräftigte nach einem Gespräch mit dem litauischen Präsidenten Gitanas Nauseda, dass man „jeden Verbündeten und jeden Zentimeter alliierten Gebiets verteidigen“ werde.

Wie reagieren die USA?

Nach außen hin auffallend ruhig. US-Präsident Joe Biden reagierte bereits in seiner ersten Ansprache nach dem Kriegsbeginn nicht explizit auf Putins Drohung gegen den Westen – und auf dessen Verweis auf die russischen Nuklearkapazitäten. Ebenso wenig reagierte Biden bislang öffentlich auf Putins Anordnung, die Abschreckungswaffen der Atommacht nun tatsächlich in verstärkte Alarmbereitschaft zu versetzen.

Der US-Präsident scheint nicht geneigt, sich mit Putin in eine rhetorische Eskalationsspirale dieser Dimension zu begeben – anders als sein Amtsvorgänger Donald Trump, der nicht davor zurückschreckte, per Twitter Nuklear-Drohungen gegen Nordkorea auszusenden. Biden bemüht sich dagegen um Deeskalation.

Das Weiße Haus und das US-Verteidigungsministerium versichern, die USA hätten alle notwendigen Fähigkeiten, um sich zu verteidigen. Und das Pentagon betont, zu einer möglichen Änderung der eigenen Alarmbereitschaft äußere man sich prinzipiell nicht. Die öffentliche Zurückhaltung bedeutet aber nicht, dass die USA hinter den Kulissen untätig wären.

Wie viele Atomwaffen stehen sich in Europa gegenüber?

Das Friedensforschungsinstitut Sipri zählte Anfang 2021 insgesamt 13.080 Atomwaffen weltweit, knapp 12.000 davon in den Händen der USA (5500) und Russlands (6255). Das sind zwar deutlich weniger als zu den Hochzeiten des Kalten Krieges mit etwa 70.000. Dafür sind die Atomwaffen inzwischen moderner und schlagkräftiger.

Es gibt keine offiziellen Angaben darüber, wieviele Atomwaffen in Europa stationiert sind. Nach Schätzung des US-Forschungsinstituts Center for Arms Control and Non-Proliferation lagern etwa 100 US-Atomwaffen in fünf europäischen Nato-Staaten: Deutschland, Belgien, Niederlande, Italien und Türkei. Außerdem besitzt Großbritannien laut Sipri 225 Atomwaffen und Frankreich 290.

Welche Reichweite haben russische Atomraketen?

Russland verfügt über Raketen aller Reichweiten. Die mit Atomsprengköpfen bestückbaren Langstreckenbomber lässt Putin schon seit Jahren immer wieder um den Erdball kreisen. Die Interkontinentalraketen fliegen über 10.000 Kilometer. Die Sarmat-Interkontinentalraketen ( NATO-Codename: SS-X-30 Satan 2) haben 18.000 Kilometer Reichweite. Damit kann Russland sowohl über den Nord- als auch über den Südpol angreifen und Ziele weltweit erreichen.

Wie viele Atomwaffen gibt es noch in Deutschland?

In den 80er Jahren waren noch 7000 Atomwaffen in beiden Teilen Deutschlands stationiert. Heute sind nach Expertenschätzungen 15 bis 20 Bomben der USA übrig, die auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel lagern. Offizielle Angaben gibt es dazu zwar nicht. Es gilt aber als offenes Geheimnis, dass es sich um Bomben vom Typ B61-4 handelt.

Sie sind 3,58 Meter lang, sehen aus wie kleine Raketen und haben eine Sprengkraft von bis zu 50 Kilotonnen – vier Mal so viel wie die Bombe, die vor fast 80 Jahren die japanische Großstadt Hiroshima in Schutt und Asche legte.

Welche Rolle hätte Deutschland in einem Atomkrieg?

Die Bomben von Büchel sind Deutschlands Beteiligung an der nuklearen Abschreckung der Nato. Sollten sie zum Einsatz kommen, würden Kampfjets der Bundeswehr sie zum Ziel transportieren und abwerfen. Spitzenpolitiker aller drei Koalitionsparteien haben immer wieder Mal den Abzug dieser Bomben aus Deutschland gefordert. Diese Diskussion dürfte sich mit dem von Kanzler Olaf Scholz vollzogenen Paradigmenwechsel in der Außen- und Sicherheitspolitik aber erledigt haben.

Für wie wahrscheinlich halten Experten, dass die Lage eskaliert?

„Das ist verbales Säbelrasseln“, sagt der Nuklearwaffenexperte Hans Kristensen der „New York Times“. Er betont: „Wir werden sehen, wohin er (Putin) damit steuert. Dieser Krieg ist erst vier Tage alt und er hat bereits zweimal mit Atomwaffen gedroht.“

Matthew Kroenig, der ebenfalls zu Atomwaffen forscht, sagt der Zeitung: „Staaten mit Atomwaffen können keinen Atomkrieg führen, weil sie damit ihre Auslöschung riskieren würden, aber sie können damit drohen und tun es auch.“ Es sei eine Art Spiel, um das Kriegsrisiko zu erhöhen, „in der Hoffnung, dass die andere Seite einen Rückzieher macht und sagt: ‚Oh je, das ist es nicht wert, einen Atomkrieg zu führen.‘“

dpa

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