Putins peinliche Plünderer: Kriminelle in Uniform räumen die Ukraine aus

Die russische Armee erlaubt sich in der Ukraine immer mehr Plünderungen.
Die russische Armee erlaubt sich in der Ukraine immer mehr Plünderungen. © picture alliance/dpa/AP
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Fernsehzuschauer in aller Welt blicken seit Wochen oft auf russische Militärlastwagen, die durch die Ukraine rumpeln. Dabei entsteht das Trugbild, es würde sich um rein militärische Transporte handeln.

In Wirklichkeit haben russische Militärlastwagen aber keineswegs nur russisches Militärgerät auf der Ladefläche. Manchmal transportieren die grau-grünen Trucks mit dem einschüchternden weißen „Z“ auch etwas ganz anderes: verblüffend nützliche und schöne Dinge. Teppiche zum Beispiel, wertvolle Möbel, High-End-Stereoanlagen, Kinderspielzeug, E-Bikes, Computer.

Die Waschmaschinen von Butscha

Ein Lastwagen, der Anfang April auf dem Rückweg vom Kiewer Vorort Butscha in Richtung Russland rollte, dabei aber eine ukrainische Granate abbekam und ausbrannte, hatte unter anderem Waschmaschinen geladen.

Das ukrainische Verteidigungsministerium war empört und stellte prompt das Beweisfoto ins Internet: Putins Armee transportiert hier gerade Diebesgut ab, aus privaten Häusern ukrainischer Familien.

Die Geschichte der Waschmaschinen von Butscha ist besonders bedrückend. Denn in manchen Fällen waren im Moment der Verladung der Maschinen deren rechtmäßige Eigentümer wohl schon nicht mehr am Leben.

Vom 4. bis zum 31. März herrschten in dem Vorort von Kiew russische Truppen. Wehrlose Menschen wurden niedergeschossen wie Vieh. Frauen wurden vergewaltigt und in Kellern gefangen gehalten. Widerspenstige Männer trieb man mit auf den Rücken gefesselten Händen zusammen und schoss ihnen in den Kopf. Als die Russen Butscha verließen, lagen die von ihnen Ermordeten rechts und links der Straße, teils hatte man sie, um sie noch im Tod zu verhöhnen, in Brunnen geworfen.

Als einziges Land der Erde tut Russland die Massaker immer noch offensiv als Fake News ab. Die Vereinten Nationen bestätigen in einem ersten Bericht vom 22. April bereits die „unrechtmäßige Tötung“ von 50 Zivilisten in Butscha, weitere internationale Untersuchungen werden folgen. Die Zahl der mittlerweile aufgefundenen Leichen liegt bei mehr als 400.

Spezialbohrer für Tresore gleich unterm Arm

„Es war schlimmer, als in der Hölle zu sein“, gab ein Überlebender zu Protokoll, dessen Zeugenaussagen von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) aufgezeichnet wurden. Der HRW-Bericht vom 21. April listet eine ungewöhnliche Vielzahl von Kriegsverbrechen auf. „Fast jede Ecke in Butscha ist ein Tatort“, sagt HRW-Ermittler Richard Weir.

Die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf die von den russischen Soldaten begangenen Morde, Vergewaltigungen und Körperverletzungen. Doch auch die Vermögensdelikte sind interessant. Sie sind ein frappierender Hinweis darauf, wie sich in Butscha das Banale und das Böse begegneten: In vielen Fällen mischte sich menschenverachtende Brutalität auch mit schlichten Bereicherungsabsichten.

Fest steht nach den jüngsten Protokollen internationaler Ermittler, dass die russischen Raubzüge durch Privathäuser nicht etwa als Ausrutscher anzusehen sind. Plünderungen gehören für Putins Truppe zum Plan.

In Butscha suchten die Soldaten von vornherein gezielt nach persönlichen Wertgegenständen. Ein Augenzeuge berichtete den Ermittlern von Human Rights Watch, schon beim Eindringen in sein Haus hätten die russischen Soldaten gleich einen Spezialbohrer zum Öffnen von Tresoren mitgebracht.

Zu besichtigen ist hier das perfekte Mindset des Kriegsverbrechers: Zur persönlichen Habgier gesellt sich die von Putins Propaganda beflügelte Vorstellung, die Rechte von Bürgern eines von Russland überfallenen Landes seien erloschen.

In Wahrheit sind und bleiben nach den Regeln des humanitären Völkerrechts Plünderungen ausdrücklich verboten. Sollten Besatzungstruppen aus zwingenden Gründen ausnahmsweise auf fremdes Eigentum zugreifen, etwa auf Lebensmittel – setzt auch dies stets eine angemessene Bezahlung oder Entschädigung voraus. Das Vorgehen der Russen in der Ukraine vollzieht sich also weit jenseits des Legalen. Es ist organisierte Kriminalität, gedeckt von der obersten politischen Führung.

Butscha blieb kein Einzelfall. Quer durch die Ukraine griffen russische Soldaten überall zu. Mal stöberten sie in privaten Badezimmerschränken nach teuren Parfüms, mal räumten sie Alkohol aus den Regalen von Tankstellen und Supermärkten, mal feuerten sie auf die Türschlösser verriegelter Fachgeschäfte für Elektronikprodukte. Peinlich für Putins Plünderer: Vielerorts wurde ihr erbärmliches Treiben von Videokameras festgehalten. Rund um die Welt kommt in diesen digitalen Dokumenten die angeblich ruhmreiche russische Armee daher wie eine verarmte Gangsterbande.

Die Ukraine probt die digitale Gegenwehr

Die Ukraine nutzt ihre in dieser Konstellation liegende Chance – und geht zu einer systematischen digitalen Gegenwehr über.

  • Mit Gesichtserkennungssystemen wie dem Programm Clearview AI wollen ukrainische Ermittler jetzt, egal wie lange es dauert, Täter und Taten haarklein zuordnen – in sämtlichen Fällen, in denen russische Soldaten Gesetzesverstöße begangen haben.
  • Ukrainische Bürger sollen schon jetzt Daten aller Art, die auch nur als Puzzlestück zu den Ermittlungen beitragen könnten, auf einer speziellen Webseite der Regierung in Kiew hochladen. Auf diese Weise kamen bereits mehr als 10.000 digitale Dokumente zusammen. Das amerikanische Magazin „Time“ spricht von einer „systematischen Anstrengung, die es in der Geschichte noch nie gegeben hat“: Mit dem Crowdsourcing digitaler Beweise für Kriegsverbrechen schlage die Ukraine weltweit ein neues Kapitel auf.
  • Die Ukraine stellt Plünderer und ihre Familien schon jetzt laufend durch die Veröffentlichung abgefangener Telefongespräche bloß. Verbreitet werden Text und Tondokumente. Den Dokumenten zufolge bat eine Russin ihren an der Front befindlichen Mann, sich in den ukrainischen Privathäusern doch bitte nach einem Laptop umzusehen, „für die Tochter“. Ein Soldat funkte seiner Liebsten: „Ich habe Kosmetik für dich gestohlen.“ Zurück kam ein Lachen und die Bemerkung, das sei ja „ein netter Gruß aus der Ukraine“. Ein älterer Russe riet seinem in der Ukraine eingesetzte Sohn, teure Einzelteile aus Mercedes- oder Audi-Limousinen auszubauen, „zum Beispiel die Lichtmaschine, wenn sie noch intakt ist“.



  • In Belarus hielten oppositionelle Aktivisten der Gruppe Motolko Help mit Hilfe einer gehackten Überwachungskamera in einer Paketannahmestelle fest, wie russische Soldaten Diebesgut in ihre russische Heimat schickten. Die Aufnahme von drei Stunden Dauer entstand in der Paketstation des russischen Kurierdienstes CDEK in der belarussischen Stadt Mazyr. Namen, Zielorte und sogar Mobilfunknummern der russischen Soldaten wurden inzwischen im Internet veröffentlicht. Danach verschickte ein gewisser Yushin Vladimir Sergeyevich stolze 85 Kilogramm Kleidung. Lazarev Artyom Petrovich gab eine Sendung mit einem Gesamtgewicht von sogar 255 Kilogramm auf, darunter war ein Elektroroller. Yevgeny Yevgenievich brachte es mit Lautsprechern, einem Tisch und einem Zelt gar auf 450 Kilogramm.

Die Nachricht von der Hackeraktion in Belarus erregte weltweit Aufmerksamkeit – und teilweise auch Zorn: In Polen luden Demonstranten Kleidung, Elektrogeräte und Waschmaschinen vor der russischen Botschaft in Warschau ab und baten Russland, sich hier direkt zu bedienen statt ukrainische Familien zu überfallen.

Nachdem in Deutschland die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über die Vorgänge in der Paketstation berichtet hatte, meldeten sich ältere Leser und erinnerten daran, wie russische Soldaten im Jahr 1945 mit dem Ruf „Uri, uri“ auf Zivilisten zugingen: Sie forderten die Armbanduhren. Auch Fahrräder seien damals „massenhaft einkassiert“ worden, hieß es in den Leserbriefen.

Damals freilich war vieles anders. Die Deutschen hatten angegriffen und in gigantischem Maß Schuld auf sich geladen. Russische Übergriffe gegen Kriegsende wurden in Deutschland, auch wenn sie rechtswidrig und scheußlich waren, als eine letztlich unvermeidbare indirekte Kriegsfolge verstanden.

„Finde meinen Plünderer“: Apple deutet auf die Täter

Bei den modernen Ukrainern dagegen, die den Russen nichts getan haben, ist die Stimmung heute ganz anders. Sie akzeptieren noch nicht mal den Diebstahl drahtloser Ohrstöpsel. Lieber klagen sie die Russen weltweit in sozialen Netzwerken an.

Zur Bloßstellung russischer Plünderer trägt die „Find-My“-Funktion von Apple-Geräten bei, mit der sich etwa verlorene iPhones und iPads orten lassen.

Der Ukrainer Vitaliy Semenets ließ, als er aus Hostomel floh, seine AirPods – hochwertige In-Ear-Kopfhörer – zu Hause. Nach seiner Rückkehr war sein Apartment von Unbekannten nach Wertsachen durchsucht worden, und die AirPods waren weg. Vitaliy konnte jedoch per Suchfunktion verfolgen, wohin sie nun wanderten. Erst ging es nach Norden, über die Grenze von Belarus, in die Stadt Gomel. Dies war auch der Weg russischer Militärkonvois. Später bewegte sich das Signal dann Richtung Belgorod, einer Stadt in Russland, wo Putin seine Truppen für einen neuen Vorstoß in die Ukraine zusammenziehen ließ. Auf Instagram will Vitaliy seine Follower weiterhin über die Reise seiner AirPods unterrichten.

Vitaliy hat von dieser digitalen Dokumentation zwar erst mal nichts, aber immerhin fügt er seinen Plünderern Schaden zu. Auf Instagram erntet er viel Schulterklopfen, begleitet von sarkastischem Humor: „Finde meinen Plünderer“ – das sei doch sogar eine gute Idee für eine neue App. Sogar indische Kommentatoren mischten sich ein. Das Techportal Fossbytes, sonst rein auf Bits und Bytes ausgerichtet, feuerte soeben eine politische Breitseite gegen die Russen: Soldaten, die einem Zivilisten seine AirPods klauen, handelten „niedrig“.

RND/dpa