Affenpocken

Warum die Affenpocken nicht das neue Corona sind – aber die WHO besorgt ist

Der Notfallausschuss der WHO bewertet den Ausbruch der Affenpocken vorerst nicht als internationale Notlage – will das aber weiter beobachten. Das erinnert an die Anfänge von Corona.
Der Notfallausschuss der WHO bewertet den Ausbruch der Affenpocken vorerst nicht als internationale Notlage.
Der Notfallausschuss der WHO bewertet den Ausbruch der Affenpocken vorerst nicht als internationale Notlage. © picture alliance/dpa/EUROPA PRESS

Mit Husten geht es los. Dann bemerkt Alexander Winter hohes Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen. Als sich der 36-Jährige Anfang Juni immer kränklicher fühlt, denkt er an Corona. Nach einem negativen Test an eine Erkältung, womöglich die Grippe. Doch dann fängt es an, überall am Körper zu jucken. Er entdeckt eine kleine Pustel auf seinem Penis. Weitere am Oberkörper, an der Schulter. Er fängt an zu kratzen, immer stärker.

„Da dämmerte es mir langsam, dass das noch etwas anderes sein musste“, erzählt der Berliner im Interview mit dem RND. Einige Pusteln entwickeln sich zu größeren Wunden. Er harrt aus, in Paranoia, schaut sich im Internet Bilder verschiedener Geschlechtskrankheiten an. „Ich dachte, vielleicht ist das auch Syphilis?“ Schließlich geht er zum Hausarzt. Der sei beim Anblick sprachlos gewesen.

Zwei Tage später dann die Diagnose: Affenpocken. „Da war kurz mal richtig Stillstand in meinem Kopf“, erzählt Winter. „Und dann habe ich mich gefragt, wo zum Teufel ich mich angesteckt haben könnte.“ Freunde und Bekannte hätten ihn sehr schnell in eine Nische gedrängt. „So nach dem Motto: Warst du jetzt in Gran Canaria auf Sexpartys?“, erzählt Winter.

Affenpocken: Der neue Ausbruch ist rätselhaft

Winter ist einer von rund 500 Menschen in Deutschland, die sich seit Mai mit Affenpocken infiziert haben. Rund 5000 Affenpockeninfektionen wurden innerhalb weniger Wochen weltweit gemeldet, mehr als 2700 allein aus Europa – Tendenz steigend. Plötzlich verhält sich das Virus anders, als man es bislang kannte. Seit den 1970ern sprang es eigentlich nur in West- und Zentralafrika von Mensch zu Mensch über. Ab und an kursierte es auch unter Reisenden. Aber etwas hat sich verändert. Plötzlich stecken sich weltweit immer mehr Menschen an. Wie das passieren konnte, ist rätselhaft.

Es ist diese Entwicklung, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmiert. Sie hat daher diese Woche einen Notfallausschuss mit Spezialisten einberufen, um zu bewerten, wie gefährlich der neue Affenpockenausbruch ist. Ob die Auswirkungen für die öffentliche Gesundheit ernst sind, die Lage unerwartet ist, Handels- und Reisebeschränkungen nützlich wären. Ob ein erhebliches Risiko besteht, dass sich das Virus international weiter ausbreitet. Genau wie zu Beginn der Corona-Pandemie.

Nun hat die WHO entschieden: Der Ausbruch von Affenpocken in mehr als 50 Ländern wird vorerst nicht als „Notlage von internationaler Tragweite“ bewertet. Das gab die UN-Organisation in Genf am Samstagabend bekannt. Der Ausschuss will die Lage jedoch rasch neu bewerten, falls die Zahl der Ansteckungen oder der betroffenen Länder stark ansteigt, falls gehäuft Fälle unter vulnerablen Gruppen auftreten oder falls sich das Virus verändert. Er sei „tief besorgt über die Ausbreitung der Affenpocken“, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Die WHO folgte der Empfehlung des Notfallausschusses Affenpocken, der zwar den „Notfallcharakter der Situation“ feststellte, aber dennoch die Kriterien für eine internationale Gesundheitsnotlage – auf Englisch „public health emergency of international concern“ (PHEIC) – nicht erfüllt sah. Die unabhängigen Fachleute aus aller Welt wiesen darauf hin, dass Fallzahlen in manchen Ländern ein Plateau erreicht hätten oder möglicherweise fielen. Um das Risiko für die öffentliche Gesundheit bewerten zu können, müssten außerdem offene Fragen über das Virus, die Infektionswege und die Bandbreite der Symptome geklärt werden, hieß es.

Stiko empfiehlt Affenpockenimpfung für Risikogruppen

Die Einschätzung der Experten und Expertinnen hat zwar keine direkten praktischen Folgen für die WHO-Mitgliedsländer. Sie macht aber trotzdem deutlich: Wacht auf. Nehmt diese Krankheit ernst. Der Ausbruch stellt ein echtes Risiko dar. Er muss eingedämmt werden. Erleben wir also gerade den Beginn einer weiteren weltweiten Pandemie? Mit Lockdown, Shutdowns, geschlossenen Schulen? Nein.

Affenpocken machen Sorge – sind aber anders als Corona

Corona und Affenpocken sind zwei völlig unterschiedliche Erreger. Die Krankheit gilt als vergleichsweise mild, kann nur in seltenen Einzelfällen schwer bis tödlich verlaufen. Bislang ist bei diesem Ausbruch niemand an den Affenpocken verstorben. Die meisten Menschen erholen sich innerhalb einiger Wochen – und zwar zu Hause, nicht im Krankenhaus oder auf Intensiv. Auch wenn es noch viele Fragen zum Erreger gibt: Er ist nicht gänzlich neu. Ein wirksamer Impfstoff ist bereits entwickelt. In der EU gibt es seit 2013 den Pockenimpfstoff Imvanex, der auch bei Affenpocken schützt.

Herauszufinden, warum das Virus aber plötzlich in Europa, den USA, Südamerika und Australien Menschen krank macht, ist jetzt eine wichtige Aufgabe. Es könnte mutiert sein, lautete ein erster Verdacht. Forschende aus Portugal haben im Vergleich zu verwandten Viren aus den Vorjahren beispielsweise 50 Unterschiede im Erbgut entdeckt. Ob ebendiese zur derzeitigen Verbreitung geführt haben, ist allerdings unklar. Affenpocken gelten eigentlich als relativ träges Virus, das sich nicht so schnell auf besorgniserregende Weise verändert.

Was umfasst der enge Kontakt bei Affenpocken?

Forschende rätseln also weiter. Zum Virus, zu Infektionsketten. Aber auch dazu, wie die Affenpocken von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die gute Nachricht: Auch in dieser Hinsicht unterscheidet sich das Virus nach bisherigen Erkenntnissen stark von Corona. „Die Affenpocken verbreiten sich nicht einfach“, erklärt die Europäische Seuchenschutzbehörde (ECDC). Es brauche „engen Kontakt“. Die Infektionszahlen steigen zwar stark an, aber nicht mit einem so rasant exponentiellen Wachstum, wie es bei Sars-CoV-2 zu beobachten war. Sich anstecken über Aerosole in der Luft? Das sei „unwahrscheinlich“, betont das RKI.

Nun sind bisher bei fast allen bestätigten Fällen Männer betroffen. Viele sind zwischen 31 und 40 Jahren alt, viele haben Sex mit Männern. Deshalb vermuten Forschende, dass sich das Virus neuerdings auch über Blut, Sperma und Vaginalsekret übertragen könnte. Möglich scheint es, der Verdacht ist aber noch nicht abschließend geklärt. Das Risiko, sich mit Affenpocken zu infizieren, ist aber nicht auf sexuell aktive Menschen oder Männer, die Sex mit Männern haben, beschränkt. Jeder, der engen körperlichen Kontakt mit einer ansteckenden Person hat, kann sich infizieren.

Denn bewiesen ist, dass Eintrittspforten für das Virus vor allem kleinste Hautverletzungen und Schleimhäute sind – am Auge, am Mund, an der Nase, den Genitalien und am Anus. Bei einem Gespräch, dicht an dicht stehend, könnten dort beispielsweise infektiöse Tröpfchen landen. Ebenso, wenn man intimer miteinander wird. Aber auch beim Anfassen von Kleidung, Bettwäsche, Handtüchern, Essgeschirr – also Gegenständen, die mit Affenpocken kontaminiert wurden.

Alexander Winter kann nur mutmaßen, wo er sich angesteckt haben könnte. Er sei in der ganzen Zeit mit zwei Personen intim geworden, keiner von beiden hatte für die Affenpocken typische Symptome. „Ich vermute deshalb, dass ich mich über eine Schmierinfektion im Fitnessstudio angesteckt habe.“ Beim Sport schwitze man viel, die Matten dort würden nicht immer desinfiziert, das Studio werde von vielen schwulen Männern besucht, unter denen das Virus momentan vermehrt zirkuliert. Beweise gibt es aber nicht.

Drei Wochen Affenpockenisolation, alles desinfizieren

Nach seiner Diagnose musste sich Winter zu Hause isolieren, um niemanden anzustecken. Ganze drei Wochen lang, ohne Kontakt zu anderen. Das habe er als weitaus schlimmer als bei Corona empfunden, auch wegen des ganzen Putzens. „Um das Infektionsrisiko meines Mannes und meines Hundes im Haushalt gering zu halten, muss ich wirklich alles in der Wohnung desinfizieren, was ich berühre“, erzählt der Berliner. Die Toilette, den Waschbeckenhahn, den Seifenspender. Türklinken. Jeden Tag Hand­tücher und Kleidung wechseln und separat waschen. Bett und Sofa desinfizieren.

Winter sagt aber auch: „Bei der Eindämmung der Affenpocken bringt es nichts, zu denken, dass das jetzt vielleicht noch schlimmer als Corona werden könnte.“ Nach seinen Erfahrungen empfiehlt er, bei einem Verdacht Ruhe zu bewahren, den Körper gut zu beobachten, zum Arzt oder zur Ärztin gehen. Und ansonsten? Die wissenschaftlich-medizinischen Informationen sachlich und möglichst unaufgeregt zu verfolgen.

Affenpocken eindämmen – aber wie?

Dazu rät auch die WHO. Sie geht aber noch weiter. Um den Ausbruch einzudämmen, müssten Maßnahmen wie Überwachung, Risikokommunikation, Kontaktverfolgung, Isolation, Behandlung und Impfungen verstärkt werden, sagte WHO-Chef Ghebreyesus. Die Mitgliedsstaaten müssten wachsam bleiben, um eine Ausbreitung zu verhindern. Dazu zähle auch eine faire Impfstoffverteilung.

In Deutschland sind erste Lieferungen vom Pockenimpfstoff des Bundes inzwischen angelaufen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt unter anderem Männern, die gleichgeschlechtliche sexuelle Kontakte mit wechselnden Partnern haben und Personal von Speziallaboratorien eine vorsorgliche Impfung. Ähnlich wie bei Corona bleibt die Frage, wie viele Menschen diese Information erreicht und wie einfach es für sie ist, sich in einer ärztlichen Praxis impfen zu lassen.

Misslingt die Eindämmung, bleibt eine große Gefahr: Sollten sich die Affenpocken als neue Infektionskrankheit weltweit etablieren, wäre mittelfristig auch mit Fällen in Gruppen zu rechnen, die gefährdeter sind für einen schwereren Affenpockenverlauf. Dazu zählen Kinder, Schwangere, Menschen mit eingeschränktem Immunsystem und Ältere. Es besteht auch immer ein gewisses Risiko, dass sich das Virus verändert und möglicherweise auch krankmachender werden könnte. Ein Szenario, das von Corona bereits bekannt ist.

RND/dpa

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