Wie gut bin ich gegen Corona geschützt? Der Immunologe Luka Cicin-Sain klärt auf

Luka Cicin-Sain arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung zum Coronavirus. Sein achtköpfiges Team forscht an der antiviralen Aktivität von Antikörpern, Ansätzen zu Impfstoffen gegen Covid-19 und befasst sich mit Virusgenetik und Evolution. Zudem ist er der stellvertretende Leiter des Arbeitskreises „Impfstoffe“ bei der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.
Luka Cicin-Sain arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung zum Coronavirus. Sein achtköpfiges Team forscht an der antiviralen Aktivität von Antikörpern, Ansätzen zu Impfstoffen gegen Covid-19 und befasst sich mit Virusgenetik und Evolution. Zudem ist er der stellvertretende Leiter des Arbeitskreises „Impfstoffe“ bei der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. © picture alliance/dpa
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Es sei nicht vorhersagbar, ob jemand eine gute Immunantwort nach der Corona-Impfung hat, sagt Luka Cicin-Sain im RND-Gespräch. Der Wissenschaftler ist Leiter der Arbeitsgruppe „Virale Immunologie“ am Braunschweiger Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Er befasst sich zudem mit der Evolution des Coronavirus – und damit auch mit der gerade neu entdeckten Variante „Deltakron“.

Herr Cicin-Sain, die Corona-Infektionszahlen sind auf sehr hohem Niveau. Gleichzeitig sollen in Deutschland die meisten Maßnahmen fallen. Ist der Immunschutz in unserer Bevölkerung hoch genug, damit wir uns unkontrolliert dem Virus stellen können?

Relevant sind dabei vor allem die neutralisierende Antikörpertiter. Diese sagen uns, inwiefern die Immunität anschlägt – oder eben nicht. Und es gibt eine Sache, die jeder und jede wissen sollte: Wer geboostert ist, hat höhere Antikörpertiter. Je mehr es davon im Körper gibt, umso mehr wird das Virus erfolgreich außer Gefecht gesetzt.
Rund 57 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind geboostert und haben damit ausreichend Antikörper. Der Booster ist die neue vollständige Impfung, auch wenn die Ständige Impfkommission das leider noch nicht so benannt hat. Deutschland hat aber nach wie vor das Problem, dass viele Menschen nicht geboostert oder gar nicht geimpft sind.

Die Quote der Grundimmunisierten fällt mit rund 76 Prozent höher aus als die der Geboosterten. Bringt das denn zumindest ein paar Effekte?

Zwei Dosen von Biontech oder Moderna sind nicht ausreichend, um Omikron zu bekämpfen. Es gibt zwar Vorteile: Die Wahrscheinlichkeit, dass schwere Verläufe stattfinden, ist bei zweifach Geimpften geringer als bei Ungeimpften. Aber bei Delta sprach man noch von einer Impfeffektivität von über 90 Prozent. Inzwischen sind wir irgendwo bei 50 bis 60 Prozent.
Das heißt: Nur die Hälfte der Menschen in der Gruppe der Geimpften hat prozentual gesehen keine schweren Verläufe im Vergleich zur Gruppe der Ungeimpften. Mit dem Booster erhöht sich die Schutzwirkung hingegen wieder auf über 80 Prozent. Es kommt auch seltener zu Impfdurchbrüchen. Wobei man da auch wieder differenzieren muss.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Hinweise, dass die Antikörpertiter rund sechs Monate auf hohem Niveau bleiben, aber was danach passiert, wissen wir noch nicht. Das ist eine Unsicherheit. Und dann ist es auch nicht dasselbe, ob man 30 oder 80 Jahre alt ist. Bei älteren Menschen ist das Immunsystem nicht mehr so wirksam.
Impfdurchbrüche, auch mit Symptomen, finden bei älteren Geboosterten häufiger statt als bei den Jüngeren. Es ist deshalb auch insgesamt sehr schwierig, zu sagen: Jetzt ist der Moment, wo alle Menschen in Deutschland ausreichend vor dem Coronavirus geschützt sind. Bei jedem und jeder sieht es anders aus. Auch bei Menschen mit Vorerkrankungen ist ein guter Immunschutz oft nicht garantiert.

Können denn immungesunde Geboosterte automatisch davon ausgehen, dass Corona ihnen nicht mehr gefährlich werden kann?

Das Risiko eines schweren Verlaufs und auch von Long Covid ist bei Geboosterten deutlich geringer. Aber die Spannbreite der Antikörpertiter kann ziemlich groß sein. Wir haben das beispielsweise einmal bei unseren geboosterten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Abteilung gemessen. Da kamen ganz unterschiedliche Werte heraus mit teils um das Zehnfache unterschiedlichen Titerhöhen. Da hatte die 30-Jährige mitunter weniger Antikörper als der 50-Jährige. Der Immunschutz kann also individuell ganz unterschiedlich ausfallen, auch bei Jüngeren.

Wieso ist das so?

Das ist ein Zufallsprinzip unseres Immunsystems. Antikörper befinden sich willkürlich im Körper. Wenn man Glück hat, hat man zufällig viele Antikörper, die das Spike-Protein erkennen. Wenn man Pech hat, fehlen sie. Das alles ist sehr komplex und auch Forschende wissen vieles darüber noch nicht.
Man kann nicht wirklich vorhersagen, ob jemand eine gute Immunantwort nach der Impfung haben wird. Wir wissen zwar, dass das Alter eine Rolle spielt. Wir wissen, dass Menschen mit Immunschwäche durch die Impfung nicht gut geschützt sind. Aber für den Großteil der immungesunden Bevölkerung kann man nicht eindeutig sagen, wie gut der Immunschutz wird.

Könnte ein Antikörpertest aus der Apotheke oder dem Supermarkt mehr Gewissheit bieten?

Der Antikörpertest aus dem Supermarkt wird nur sagen, dass man überhaupt solche Antikörper im Blut hat. Er sagt aber nichts darüber aus, welche von ihnen noch effektiv und effizient genug sind. Außerdem gibt es noch andere Bereiche des Immunsystems, die wichtig für den Immunschutz sind. Um solche Antikörper zu erkennen, braucht es eine Spezialanalyse im Labor. Die ist sehr aufwändig und im Alltag nicht praktikabel.

Könnte man solche Labortests nicht für alle anbieten, um im Zweifel mehr Klarheit über den eigenen Immunstatus zu bekommen?

Es wäre zu teuer, um das für jeden und jede anzubieten. Ein weiteres Problem ist, dass bei Corona bislang kein Schwellenwert bekannt ist, ab dem wir definitiv wissen: Jetzt schützen die Antikörper nicht mehr ausreichend. Diese Werte fallen je nach Variante auch noch unterschiedlich aus: bei Omikron also anders als bei Delta. Da läuft die Forschung quasi immer hinterher.
Das macht es nochmal schwerer, beim Einzelnen herauszufinden, ob man noch ausreichend geschützt ist. Auf der Ebene der Bevölkerung kann man aber nur immer wieder betonen: Wer geboostert ist, hat wesentlich bessere Chancen. Wer zweifach geimpft ist, hat mehr Schutz als jemand, der oder die gar nicht geimpft ist.

Und wer geboostert und genesen ist, hat quasi die Superimmunität?

In der Tat gibt es Hinweise darauf, dass wer geboostert ist und sich anschließend infiziert, besonders hohe Antikörpertiter hat. Es ist zu erwarten, dass dann der Immunschutz sehr breit ist und lange anhält. Geboosterte, die auch genesen sind, haben bessere Karten, sich nicht so schnell wieder anzustecken.
Das ist keine Einladung, sich als geboosterte Person aktiv mit dem Virus infizieren zu lassen. Aber man kann auf ein Szenario hoffen, bei dem so ein Immunschutz auch bei neuen Varianten Bestand hat. Dann könnte es vielleicht wirklich irgendwann eine Herdenimmunität geben. Corona wäre dann keine Bedrohung mehr. Aber wir wissen nicht, welche Varianten noch auf uns zukommen.

Der Artikel "Wie gut bin ich gegen Corona geschützt? Der Immunologe Luka Cicin-Sain klärt auf" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland